Radiocafé in Kreuzberg : Jetzt kommt Musik in die Markthalle

Über den Gemüseständen am Marheinekeplatz sendet Radio multicult mit Blick auf die Bergmannstraße. Nun gibt es nebenan das Café On Air, in dem jeder zur Sendung beitragen kann.

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Auf Sendung. Chefredakteurin Brigitta Gabrin, Paula von Lengerlcen und Jessica-Sarah Didier (von links) von Radio multicult.
Auf Sendung. Chefredakteurin Brigitta Gabrin, Paula von Lengerlcen und Jessica-Sarah Didier (von links) von Radio multicult.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Brigitta Gabrin steht mit zwei ihrer Radio-Mitarbeiterinnen vor dem Aufnahmestudio und diskutiert über Waffeleisen. Wie viele werden sie für das Café brauchen? „Lieber ein paar mehr“, ist sie sich am Ende mit den anderen Radiomacherinnen einig. Dass Gabrin, Projektleiterin von Radio multicult, schon länger nicht mehr dazu kommt, selbst Radio zu machen, ist sie gewohnt. „Leider“, sagt sie. Es gibt so viel um das man sich kümmern muss. Neuerdings eben auch Waffeleisen. In der Hand hält sie auch eine geraffte schwarz-rote Schürze, die sie sich gleich probehalber umbinden wird. „Café On Air“ ist darauf zu lesen.

Die Macher von Radio multicult, das seit 2010 aus den Marheineke Markthallen in Kreuzberg in der Galerie im Obergeschoss sendet, haben am Sonnabend ein Radiocafé eröffnet. Vor dem Gläsernen Studio, in dem man hoch über den Marktständen den Moderatoren und Reportern beim Radiomachen zugucken kann, steht jetzt ein Tresen. An die Brüstung sind kleine Holztische und -hocker gestellt. Internationale Zeitungen liegen aus und auf einem Bildschirm über dem Eingang zur Redaktion läuft ein Nachrichtenticker. „Hier kann man seinem Lieblingsmoderator zuhören und dabei in ein Croissant beißen“, sagt Gabrin.

Diese Nähe zu den Zuhörern, das sei ein Privileg, von dem andere Radiosender nur träumen. Mit dem Radiocafé möchte Brigitta Gabrin weitere Hemmschwellen einreißen und die Leute direkt zum Mitmachen animieren. Schon jetzt kommt es vor, dass Leute an die Scheibe klopfen und den multicult-Machern die Geschichten direkt ins Haus bringen. Wie vergangenes Jahr, als ein Mann eine Woche nach dem Taifun auf den Philippinen frische Tonaufnahmen mitbrachte, die er vor Ort gemacht hatte. Darauf waren kritische Stimmen zum Katastrophenmanagement zu hören, ebenso wie Weihnachtslieder, von jungen Mädchen in einem Nonnenkloster gesungen – ein Traum für die Radiojournalisten.

Traditioneller Ort für Nachrichtenaustausch

Oder es klopft einer und sagt: „Es ist gerade ein Film angelaufen, in dem meine Tante mitspielt. Wollt ihr sie interviewen?“ Die multicult-Macher arbeiten größtenteils ehrenamtlich. Brigitta Gabrin sagt: „Es ist völlig klar, dass ich nie Geld haben werde, zehn Reporter in die Welt zu schicken. Ich brauche einen Ort, wo die Welt zu uns kommt.“ Und wo sei das besser möglich als in einer Markthalle? Die sei schon immer ein traditioneller Ort für den Nachrichtenaustausch gewesen.

Während Brigitta Gabrin die Schürze umbindet, steht die Kreuzbergerin Valentina Repetto, 29, im Gläsernen Studio und nimmt ihre Delikatessen-Sendung auf. Den lärmenden Trubel der Markthallen verschluckt die Scheibe. Für die Sendung hat Repetto versucht, den Machern der Kreuzberger Brezel Bar das Geheimnis ihrer Brezeln zu entlocken. „Dort sitzen die“, sagt Repetto, streckt den Arm aus und deutet durch die schalldichte Scheibe, über die Brüstung der Galerie hinweg, über die Dächer der Marktstände und durch das Fenster der Hallen. Sie blickt dabei direkt auf die Bergmannstraße und wenn man genau hinguckt, sieht man ums Eck das Schild der Bar. Wie Brigitta Gabrin sagt: Die Radiomacher sitzen hier nicht abgeschnitten vom Rest der Welt in einem Funkhaus, sondern mittendrin. Repetto moderiert auch das Morgenmagazin und schwärmt davon, ab sechs Uhr morgens im Studio zu stehen. „Da kann man zugucken, wie draußen langsam die Stadt aufwacht.“

Mobile orangene Telefonzelle

Was sich da regt, wenn Berlin erst erwacht ist, das möchte Brigitta Gabrin in ihrem Programm abbilden. Und den Berlinern eine Stimme geben. „Die Menschen wollen in den Medien, in der Politik, in der Stadtplanung mitgestalten“, sagt sie. Dabei hofft sie vor allem auf die orangene mobile Telefonzelle. Noch steht die unbenutzt in den Redaktionsräumen. Der hölzerne Kasten soll als mobiles Aufnahmestudio im Radiocafé dienen, um die Leute vor Ort in die Sendungen einzubinden. Die Moderatoren können die Besucher dann direkt in ihren Sendungen zu Wort kommen lassen. Eine weitere Idee ist, dass die Gäste sich Lieder wünschen. Zur Wunschmusik hat jeder Hörer einen weiteren Wunsch frei, erklärt Gabrin. Den können sie im mobilen Studio aufnehmen. „Vielleicht suchen sie gerade ein Fahrrad“, sagt Gabrin. „Vielleicht findet sich jemand, zum Beispiel in Zehlendorf, der eins übrig hat und sich meldet.“

Auch zu Meinungsäußerungen soll das Aufnahmestudio dienen. Nur ein „Meckerkasten“ solle die Telefonzelle jedoch nicht werden, sagt Gabrin. Konstruktive Kritik ist erwünscht. Wenn alles klappt, wird die Zelle nur der Prototyp und die multicult-Macher verteilen weitere Zellen in ganz Berlin. Und wenn das auch gestemmt ist, wenn alles läuft und auch die Waffeleisen ihren Dienst tun, dann will Brigitta Gabrin auch wieder selbst Radio machen. Denn die Leidenschaft für das Medium ist und bleibt ihr Antrieb.

Café On Air, Marheinekeplatz 15, Kreuzberg. Geöffnet Donnerstag und Freitag 14 bis 19 Uhr und Sonnabend 14 bis 18 Uhr. Multicult sendet auf UKW 88,4 (Mo bis Fr, 6 bis 9 Uhr, Sa und So, 6 bis 12 Uhr) sowie rund um die Uhr auf www.multicult.fm

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