Berlin : Radiologen-Streik: Mediziner im Verteilungskampf

Amory Burchard

Im Zusammenhang mit dem Berliner Radiologen-Streik werden jetzt schwere Vorwürfe gegen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) laut. Die KV, die den Röntgenärzten in den letzten Tagen mehrfach ihre Solidarität bekundet habe, sei für deren katastrophale wirtschaftliche Lage in hohem Maße mitverantwortlich, sagt der Gesundheitsexperte Bernd Köppl von den Grünen. Indem die Ärztevereinigung vor eineinhalb Jahren die Stützung des Punktwertes für radiologische Leistungen aufgab, habe sie die Kollegen "sehenden Auges und bewusst in die derzeitige Situation geführt", sagte Köppl gestern. "Eigentlich müsste sich der Steik schwerpunktmäßig gegen die KV und nicht gegen die Krankenkassen richten."

Der stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Radiologen, Hanjörg Meier-Duis, bestätigt, dass der Punkt nach einem Beschluss der Vertreterversammlung der KV von 7 Pfennig auf jetzt 3,9 Pfennig abgesenkt wurde. Damit erhalten Radiologen beispielsweise für eine Übersichtsaufnahme der Lendenwirbelsäule in zwei Ebenen rund 16 Mark brutto. 1998 waren es noch rund 28 Mark. Allerdings sei der aktuelle Punktwert noch immer KV-"gestützt", nur eben auf einem niedrigeren Niveau. Alle Berliner Kassenärzte mussten Einbußen hinnehmen. Nach der Menge der erbrachten Leistungen der 87 Berliner Röntgenpraxen würde er bei nur noch drei Pfennigen liegen.

"Verärgert" über das Verhalten der KV ist auch der Neuköllner Radiologe Jochen Treisch. Mit den Worten "Wir haben selber nichts, wir können nichts verschenken" habe die Verteterversammlung 1998 die Stützung aufgehoben. Was nicht berücksichtigt wurde: Wegen der hohen Gerätekosten haben Röntgen-Praxen doppelt so hohe Ausgaben wie andere Fachgruppen. Rund 80 Prozent der Honorareinnahmen sind Betriebskosten. Der teuerste laufende Posten sind neue Röhren für Röntgengeräte und für Computertomographen.

Auch für die viel zu dichte Ausstattung der radiologischen Praxen mit Großgeräten sei die KV mitverantwortlich, sagt nun Köppl. Ebenfalls 1998 wurde die Großgeräteverordnung aufgehoben, nach der Radiologen die Anschaffung eines Computertomographen vor einem Ausschuss von KV, Kassen und Senat durchsetzen mussten. Die KV habe danach nichts gegen die Zulassung von 30 zusätzliche Großgeräten getan. An deren Abzahlung und Wartung gehen die Praxen jetzt finanziell zugrunde.

Scharf kritisiert wird die KV auch wegen einer weiteren Zulassungswelle: Offenbar uneingeschränkt hat sie Orthopäden und Chirurgen erlaubt, eigene Röntgengeräte anzuschaffen. Solche Praxen mit Teilradiologie sind in Fachkreisen dafür bekannt, möglichst viele Patienten zu röntgen, weil sie diese Leistungen voll - also nicht nur als Zusatzleistung - abrechnen können. Die künstlich hohen Fallzahlen gehen zu Lasten des Punktekontos der radiologischen Praxen. Jochen Treisch ärgert sich über die Kassenärztliche Vereinigung, sagt aber: "Die KV kann nicht Gelder verteilen, die sie nicht hat, und sie muss unsinnigen Vorgaben der Politik umsetzen."

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