Berlin : Radler immer öfter Verkehrsopfer

Zahl verunglückter Radfahrer steigt seit sechs Jahren. Grüne und Senatsbeauftragter uneins über Abhilfe

Stefan Jacobs

Die Zahl der Verkehrsopfer in Berlin sinkt seit Jahren – mit einer Ausnahme: Die Zahl der verunglückten Radfahrer steigt seit sechs Jahren ununterbrochen. Allein im vergangenen Jahr wurden laut Polizeistatistik 4611 Radler verletzt, was gegenüber dem Jahr 2004 ein Plus von mehr als zehn Prozent bedeutet. Die Polizei vermochte fürs laufende Jahr noch keine Zahlen zu nennen; beim Radfahrerclub ADFC hieß es jedoch, dass der Trend sich im ersten Halbjahr 2006 zum Besseren gewendet habe – was allerdings auch an dem ungewöhnlich langen und kalten Winter gelegen haben kann.

Die meisten Unfälle mit Radlern werden laut ADFC von Autofahrern verursacht, speziell beim Abbiegen. Addiert man alle Unfälle, kommen die Radler auf eine Verursacherquote von unter drei Prozent. Aber: 27 Prozent aller im Verkehr Verletzten waren per Rad unterwegs.

Gründe genug für die Grünen-Verkehrspolitikerin Claudia Hämmerling, nach Ursachen zu forschen – und dem Senat mangelndes Engagement vorzuwerfen. So sei die Einrichtung neuer Fahrradspuren auf den Straßen eher eine Frage des politischen Willens als des Geldes. Als Beispiel nennt Hämmerling die von Radlern stark frequentierte Chausseestraße in Mitte, die zwar parallel zum 390 Millionen Euro teuren Tiergartentunnel verlaufe, aber auch nach dessen Eröffnung vorerst keine Fahrradstreifen erhalte. Im Zweifel würden eher Parkflächen für Autos bewahrt als Platz zum sicheren Radeln geschaffen. In solchen Fällen müsse zumindest Tempo 30 gelten, um die Unfallgefahr zu verringern.

Die Radverkehrsstrategie des Senats bezeichnet Hämmerling als „Sonntagsprogramm für Sonntagsfahrer und Touristen“. Die Radler – ihr Anteil liegt bei knapp zwölf Prozent am Gesamtverkehr – müssten vor allem durch mehr Verkehrskontrollen und bessere Planungsarbeit geschützt werden. Für Letzteres hat Hämmerling eine Fotosammlung mit Negativbeispielen angelegt: Baustellen mit Gesperrtschild und ohne Ausweichmöglichkeit, das Dauerchaos um die „Alexa“-Baustelle in der Grunerstraße, einen zu schmalen, aber benutzungspflichtigen Radweg-Neubau am Südkreuz und Stummel, die nach wenigen Metern auf Gehwegen enden.

Benno Koch, der Fahrradbeauftragte des Senats und Landesvorsitzende des ADFC, teilt Hämmerlings Anliegen, aber nicht ihre Argumente: Die Verkehrsverwaltung des Senats arbeite „so engagiert, wie ich es in 15 Jahren vorher nicht erlebt habe“. Mehr Sicherheit für Radler scheitere vor allem an den Bezirken, die aus ihren Globalhaushalten weder einen Etat für den Fahrradverkehr abzwackten noch kompetente Planer zu Rate zögen. Ausgerechnet Hämmerlings grüne Parteifreunde Franz Schulz (Friedrichshain- Kreuzberg) und Dorothee Dubrau (Mitte) hätten stark frequentierte Radwege mit Sperrbalken „verbarrikadieren“ oder in Grünanlagen sperren lassen, sagt Koch. Auch häuften sich Klagen von Radlern, die im Dunkeln an jenen Fahrbahnschwellen stürzten, die eigentlich den Verkehr sicherer machen sollen. Einig sind sich Hämmerling und Koch zumindest darin, dass kompetente Planung für Radler so viel wert ist wie Airbags für Autofahrer.

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