Berlin : Rätsel um Überfall auf Italiener

Ermittler äußern Zweifel an Aussage des Opfers zum Tathergang 2005 wurden nach Polizeistatistik 18 fremdenfeindliche Gewalttaten registriert

Jörn Hasselmann

Weiterhin völlig ungeklärt ist der am Sonntag bekannt gewordene Angriff auf einen Italiener. Wie berichtet, hat der Mann angeben, in der Schönhauser Allee gegen 1 Uhr nachts von drei schwarz gekleideten „Kahlköpfen“ mit einer Keule angegriffen worden sein. Demnach hätten die Unbekannten zunächst nach Zigaretten gefragt. Als Gianni G. auf Deutsch verneinte, sollen die Männer gefragt haben: „Bist du Ausländer?“ Als G. wiederum auf Deutsch sagte, dass er Italiener sei, habe einer der Männer „Scheiß- Ausländer“ gesagt und ihm mit beiden Fäusten ins Gesicht geschlagen und mit einer Holzlatte auf die Kniescheibe.

Nach Informationen des Tagesspiegels bezweifeln Ermittler diese Darstellung. Denn Gianni G. ist erst gegen 4.30 Uhr am S-Bahnhof Alexanderplatz gefunden worden, und zwar betrunken und verletzt vor einem Fahrstuhl liegend. Nachdem G. ins Krankenhaus Friedrichshain gebracht worden war, wurde er dort erstmals um 5.35 Uhr von der Bundespolizei befragt. Dort gab er zu Protokoll, dass er sich gegen 1 Uhr auf dem Weg von der Arbeit nach Hause 300 Meter vor dem U-Bahnhof Eberswalder Straße „mit einem Unbekannten geprügelt“ habe, der zudem mit einer Holzlatte zugeschlagen haben. Die Nachfrage, ob es eine Baseballkeule gewesen sein könne, habe das Opfer definitiv verneint, hieß es. Die Ermittler fragen sich jetzt, wie Gianni G. mit einer gebrochenen Kniescheibe über drei Stunden nach dem angeblichen Überfall in der Stadt unterwegs gewesen sein kann und wieso er nicht am Tatort Hilfe holte. Bei der zweiten Befragung durch die Berliner Polizei gab er dagegen an, mit einer Baseballkeule geschlagen worden zu sein. Im Krankenhaus wurde am Kopf eine Platzwunde diagnostiziert. Zudem seien Zweifel an der Darstellung erlaubt, hieß es, weil sich bislang keine Zeugen meldeten – und das auf einer Straße, auf der auch um 1 Uhr viele Menschen unterwegs sind. Die PDS rief für gestern Abend zu einer Demonstration gegen Rassismus in der Schönhauser Allee auf.

Polizeipräsident Glietsch sagte gestern im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses, dass es im Jahr 2005 berlinweit 18 fremdenfeindliche Gewalttaten gegeben habe, angesichts dieser niedrigen Zahl sei „eine Warnung vor bestimmten Gebieten – so genannten No-go-Areas – eher schädlich als nützlich“. Von diesen 18 Gewalttaten geschahen vier in Treptow-Köpenick und jeweils drei in Lichtenberg und Pankow. In anderen Bezirken habe es nur eine oder zwei Taten gegeben. Eine von der FDP beantragte Debatte über „No-go- Areas“ wurde vertagt. Wie berichtet, hatte nach dem Potsdamer Überfall auf Ermyas M. die Liga für Menschenrechte und der Afrikarat angeprangert, dass es auch in Berlin Gegenden gebe, in die Farbige nicht gehen sollten.

Ein weiterer Überfall, diesmal mit antisemitischem Hintergrund, ist am Montag bekannt geworden: Am Sonnabend früh sollen drei Unbekannte einen 16-Jährigen im BVG-Bus M29 bedroht und beraubt haben. Nachdem die Täter Telefon und Musikabspielgerät an sich genommen hatten, riss einer ihm die Kette vom Hals. Als sie den Davidstern an der Kette sahen, beschimpften und bedrohten sie das Opfer. Laut Körting sagten die Täter, dass sie Palästinenser seien und „Juden hassen“. Die Täter sollen dann am Kurfürstendamm ausgestiegen sein.

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