Berlin : Räumkommando im Morgengrauen

Am Checkpoint Charlie sollen Bauarbeiter die umstrittene Mauerinstallation entfernen. Museums-Chefin Hildebrandt kämpft weiter

Marc Neller

Es gibt nichts mehr zu verhandeln, die Kreuze am Checkpoint Charlie müssen weg. Der Obergerichtsvollzieher hat die Bauarbeiter und Kräne für Dienstagmorgen, 4.01 Uhr bestellt. Selbst die jungen Männer, die am Ort Unterschriften für das Mahnmal sammeln, sagen: „Hier ist nichts mehr zu retten.“ Also soll es der Segen von oben richten. Am Abend lässt Alexandra Hildebrandt, die Chefin des Museums am Checkpoint Charlie, den früheren Gefängnisseelsorger Pater Vincens die 1065 Holzkreuze weihen.

Kurz nach 19 Uhr sagt Hildebrandt: „Wir können die 36 Millionen für die Grundstücke bezahlen.“ Eine Schweizer Bank sei bereit, zu bürgen. Einen Beleg bleibt Hildebrandt bis Redaktionsschluss schuldig. Bei der Bank ist niemand mehr für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch für Hildebrandts Behauptung, dass die Bankaktiengesellschaft Hamm die Grundstücke plötzlich nicht mehr verkaufen wolle, gibt es keine Bestätigung. Dass die Räumung in letzter Sekunde vermieden werden kann, wollen nicht einmal Hildebrandts Gefolgsleute in der Arbeitsgemeinschaft 13. August glauben, die die Nacht am Checkpoint Charlie verbringen werden. Und bei der Polizei heißt es: Einsatz ab vier Uhr.

1961 standen sich am Kontrollpunkt sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Eines Atomkrieg drohte. Nun ist die Dimension eine andere: Auf der einen Seite steht Alexandra Hildebrandt, auf der anderen stehen eine Bank und ein Teil des Senats. Hildebrandt will „der Welt einen großen moralischen und historischen Wert erhalten“, wie sie sagt. Notfalls, indem sich frühere DDR-Häftlinge an den Holzkreuzen festketten, um die Räumung zu behindern. Die andere Seite, die Bankaktiengesellschaft, will 9071 Quadratmeter Bauland verkaufen können. Und Kultursenator Thomas Flierl (PDS) möchte „diese Art Disneyland der Erinnerung“ entfernt wissen – so drückt es sein Sprecher Torsten Wöhlert aus. Und schließlich forderte Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Hildebrandt gestern Abend in einem Brief auf, die Räumung zu akzeptieren.

Die Berliner CDU weiß, dass Hildebrandt das Gelände nach entsprechenden Gerichtsurteilen zu räumen hat. Sie bestärkt aber deren Kritik, die Stadt habe bisher keine Form des Gedenkens gefunden, die dem Checkpoint Charlie angemessen wäre. So zum Beispiel CDU-Generalsekretär Frank Henkel. Und Landeschef Ingo Schmitt fordert vom Regierenden Bürgermeister, sofort mit der Bankaktiengesellschaft über einen Räumungsaufschub zu verhandeln.

Hanns Peter Nerger, Chef der Berlin Tourismus Marketing, findet: „Die Kreuze sollten unbedingt bleiben.“ Manfred Wilke, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität, vermisst ein „demonstratives Erinnern“ an die Teilung. Und Obergerichtsvollzieher Christian Günther meint, er habe genug gesagt zum Thema. Geschieht über Nacht nicht ein Wunder, sind die Mauerkreuze bald Erinnerung. Oder eine Dokumentation. Denn Flierl teilt mit, er wolle die Installation dokumentieren – auf einem Bauzaun um das künftige „Museums des Kalten Krieges.“

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