• Räumung in Berlin-Kreuzberg: Hauptmann-Schule ist leer - "Wir machen einen Haken dahinter"
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Räumung in Berlin-Kreuzberg : Hauptmann-Schule ist leer - "Wir machen einen Haken dahinter"

Der letzte Akt, die Räumung, war Donnerstag früh rein symbolisch: Die letzten elf Flüchtlinge hatten die Schule bereits am Mittwochabend verlassen.

Friedlicher Protest vor Ort.
Friedlicher Protest vor Ort.Foto: Jörn Hasselmann

Der Regen dämpfte die Sprechchöre der gut hundert Demonstranten, die, wie immer, "Refugees welcome" riefen. Doch die letzten elf Refugees hatten am Mittwochabend die ehemalige Gerhart-Hauptmann-Schule verlassen. Auf den letzten Drücker also, denn für 8 Uhr am Donnerstag hatte sich die Gerichtsvollzieherin angekündigt. Die kam, betrat unter Polizeibegleitung den Altbau und fand nur noch Gerümpel. Ein paar Türen waren verschlossen, die die Polizei von einem Schlüsseldienst öffnen ließ. Hätte die Polizei drin verbarrikadierte Menschen vermutet, hätte sie die Türen einfach aufgebrochen.

Unvergessen die langen Einsätze der Polizei

Damit ist nach fünf Jahren, einem Monat und drei Tagen die Besetzung weitgehend geräuschlos beendet. Die Berliner Polizei hatte, wie üblich bei Einsätzen an der GHS, mehrere Hundertschaften aufgefahren. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums sagte in mehrere Mikrofone, dass die Polizei heute "einen Haken hinter die Geschichte" machen werde. Wenn keine Kamera lief, sagte der Sprecher einfach: "Wir machen drei Kreuze."

Keiner der Beamten hier hat die langen Tage und Nächte im Juli 2014 vergessen, als die Lage eskaliert war und rund um die Uhr mehr als 1000 Polizisten im Einsatz waren, unterstützt von Einheiten aus anderen Bundesländern. Bis dem Polizeipräsidenten Klaus Kandt der Kragen platzte und er unverhohlen dem Bezirk ein Ultimatum stellte und mit Abzug seiner Hundertschaften drohte, wenn der Bezirk nicht endlich die Räumung der Schule anstrebe.

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Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule
Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule

Alle erleichtert, auch die Bürgermeisterin

Auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) zeigte sich am Donnerstag erleichtert: "Als Bezirksamt freuen wir uns über den friedlichen Ablauf am heutigen Tag." Herrmann dankte der Innen- und Sozialverwaltung für den Einsatz bei den Verhandlungen über den freiwilligen Auszug aus dem Haus. Herrmann weiter: "Auch die Unterstützer*innen der Geflüchteten im Gebäude haben über die Jahre mit ihrer Betreuung wichtige Arbeit geleistet, für die wir uns bedanken wollen." Die CDU hat der Bürgermeisterin immer vorgeworfen die Dinge nicht anzupacken und auch vor den linken und linksextremistischen "Unterstützern" zu kuschen.

Gerhart-Hauptmann-Schule, Ohlauer Strasse, Berlin Kreuzberg am Tag vor der Räumung.
Gerhart-Hauptmann-Schule, Ohlauer Strasse, Berlin Kreuzberg am Tag vor der Räumung.Foto: Mike Wolff
Polizisten und Wachpersonal sind vor Ort und unterstützen das Bezirksamt und die Gerichtsvollzieherin
Polizisten und Wachpersonal sind vor Ort und unterstützen das Bezirksamt und die GerichtsvollzieherinFoto: imago/Christian Mang

"Quartier gefunden für die letzten 11 Flüchtlinge"

Hakan Tas, Abgeordneter der Linkspartei, sagte am Donnerstag in der Ohlauer Straße, dass für die zuletzt elf verbliebenen Flüchtlinge ein Quartier gefunden worden sei, was in der heutigen Situation auf dem Wohnungsmarkt keine Selbstverständlichkeit sei. Derzeit sollen sie in einem anderen Bezirk untergebracht sein. Antje Kapek, Vorsitzende der Grünen-Fraktion, teilte mit, dass die Menschen in Kürze ein Quartier in Kreuzberg bekommen sollen. Aus der ehemaligen Schule will der Bezirk nun ein "Zentrum für Geflüchtete" machen.

Fünf Millionen Euro Kosten

Der Kreuzberger CDU-Abgeordnete Kurt Wansner kritisierte gestern, dass es so lange gedauert habe, Herrmann trage die Verantwortung für die fünf Millionen Euro Kosten, die in den letzten Jahren aufliefen. So musste der Bezirk jahrelang einen privaten Wachschutz bezahlen. Herrmann hatte das Problem von ihrem grünen Vorgänger Franz Schulz geerbt, der die Besetzung durch hunderte Menschen einfach duldete.

Langer Rechtsstreit

Erst im Juli 2017 hatte das Landgericht der Räumungsklage des Bezirks stattgegeben. "Das Gericht erkannte kein dauerhaftes Wohnrecht der Beklagten in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule an", teilte die Justiz mit.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte: „Unser Ziel war eine friedliche Lösung. Niemand wollte eine Situation wie 2014, als ein ganzer Kiez quasi im Ausnahmezustand war." 2014 war noch Frank Henkel von der CDU Innensenator, der mit der Kreuzberger Bürgermeisterin heillos zerstritten war.

In der ehemaligen Schule wurde am Donnerstagvormittag nur noch "Sperrmüll" gefunden, wie der Bezirk mitteilte. Im Regen formierten sich etwa 150 Menschen dann zu einem Demonstrationszug durch Kreuzberg und Neukölln. Linke wollen an diesem Donnerstag in Kreuzberg protestieren. „Solidarität mit den Bewohnern“, hatte eine Initiative im Vorfeld erklärt. „Alle Menschen müssen das Recht haben, zu entscheiden, wo und wie sie leben wollen, unabhängig von Status und Herkunft." Unter den Bewohnern hatte es in den fünf Jahren zahlreiche blutige Auseinandersetzungen gegeben. Im April 2014 wurde ein 29-jähriger Flüchtling bei einem Streit in der Dusche erstochen. Es soll ein Streit um Drogen gewesen sein.

Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule
Seit dem Dezember 2012 war die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg in Teilen von Flüchtlingen und ihren Unterstützern besetzt. Damit soll nun Schluss sein. Wie angekündigt räumt die Polizei das Gebäude an der Ohlauer Ecke Reichenberger Straße am Morgen des 11. Januar 2018. Ungefähr 100 Demonstranten protestieren friedlich.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Jörn Hasselmann
11.01.2018 08:24Seit dem Dezember 2012 war die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg in Teilen von Flüchtlingen und ihren Unterstützern besetzt....

Lesen Sie mehr im Tagesspiegel

- Ausgeträumt in Kreuzberg: Als die Flüchtlingskrise nach Berlin kam, wurde die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt - nun ist sie geräumt. Schade, sagt Kreuzbergs Bürgermeisterin Monika Herrmann, erleichtert sei sie trotzdem. Die Reportage von Hannes Heine lesen Sie im Tagesspiegel unter diesem Link.

- Bezirk gibt Gerhart-Hauptmann-Schule auf: "In Friedrichshain brennt die Luft", sagt die Bezirksbürgermeisterin in Sachen Schulplatzmangel. Dennoch wird im selben Bezirk ein Schulstandort platt gemacht.

- Vor einem Jahr: Monika Herrmann habe nach dem Feuer in der Gerhart-Hauptmann-Schule eine Chance zur Räumung verpasst, heißt es aus der CDU Friedrichshain-Kreuzberg.

- Frühling 2014: Flüchtlingsfrust: "Ihr kriegt uns hier nicht raus!" - Nicht alle Flüchtlinge wollen die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg verlassen. Viele der Bewohner sind mit ihrer Kraft am Ende.

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