Berlin : Rafael Pietrzak (Geb. 1975)

"Keine Getränke mit ins Studio, sonst kommt Rafael!"

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An Rafael scheint alles etwas zu groß geraten. Mit seinem Riesenkopf gewinnt er in New York mal eine Wette gegen einen Mützenhändler. Er hat den Verkäufer gewarnt, dass es ihm nicht gelingen würde, eine passende Kopfbedeckung zu finden. Mit seinen Händen kann er arbeiten wie zwei, und die Angewohnheit, sich immer um alles und alle zu kümmern – auch wenn sie es mal gar nicht wollen – lässt auf ein sehr großes Herz schließen.

Sein Profilbild bei Facebook zeigt das Filmplakat von King-Kong. In die Pranke des Riesenaffen hat er ein Foto seiner Freundin montiert.

In Polen geboren, kommt Rafael mit seinen Eltern nach Berlin, als er fünf Jahre alt ist. Er wächst in Wilmersdorf in der Gegend um die Schlangenbader Straße auf. Die Familie findet eine Wohnung im elften Stock der „Schlange“, einer riesigen Autobahnüberbauung aus den siebziger Jahren. In der Gegend muss man sich als Jugendlicher behaupten können. Für Rafael ist das kein Problem, er ist sportlich, ein Jahr lang trägt er den Titel des Berliner Meisters im Kickboxen. Als Trainingseinheit setzt er sich schon mal seinen kleinen Bruder für 100 Liegestützen auf den Rücken.

Die Familie hält eng zusammen und baut sich Stück für Stück eine Existenz in Deutschland auf. Bis ein Schicksalsschlag alles verändert. Der Vater stirbt, völlig unerwartet, am Morgen von Rafaels 28. Geburtstag an einem Herzinfarkt. Sein Bruder Philipp ist 16 Jahre alt. So gut es geht, übernimmt Rafael die Vaterrolle und unterstützt seine Mutter, wo immer er kann. Der Bruder empfindet das Datum des Todes als Warnung und bittet Rafael, auf sich zu achten.

Der lebt nicht eben gesund, ist bekennender Cola-Junkie, und als Nachteule schläft er viel zu wenig. Am Internet bleibt er regelmäßig bis in den Morgen wach. Aber nie verpasst er einen Termin, ist permanent on the run. Zu Verabredungen erscheint er auf die Minute, oft auf die letzte. Der Job hat oberste Priorität. Rafael gehört zu den Menschen, die gerne zur Arbeit gehen.

Er arbeitet bei Spiegel-TV, in einem der schicksten Fernsehstudios der Republik, klein aber fein. Eine ganze Wand besteht aus getöntem Glas und gibt den Blick frei auf den Pariser Platz und das Brandenburger Tor. Man könnte meinen, hier sei eine Berlin-Tapete aufgeklebt, nur dass sich die Leute auf der Tapete bewegen. Aber nicht wegen des vermeintlichen Glamours ist er so gerne hier, es ist wegen der Kollegen und der Professionalität des Teams.

Im Studio arbeitet er als freier Tonassistent, aber wenn man sich umhört, was seine Aufgaben sind, merkt man, dass Rafael ein Problemlöser ist, Ansprechpartner für alle, einer der Ruhe und auch Wärme ausstrahlt. Als gelernter Mediengestalter kennt er sich natürlich mit der Technik gut aus, packt aber auch mit an, wenn es um Auf- und Abbau der schweren Holzkulissen geht. Er kennt jede Schraube, bleibt oft länger und ist immer zur Stelle. Ordnung ist ihm wichtig, nicht nur in seinem Tonschrank, in dem, akkurat sortiert und wie mit dem Lineal aufgereiht, die teuren Ansteckmikrofone und Funksender liegen, mit denen er die Gäste verkabelt, die sich hier für Interviews vor die Glaswand setzen. An einer Pinnwand im Flur hängt ein Zettel: „Keine Getränke mit ins Studio, sonst kommt Rafael!“

Ein Kollege ist fast ein bisschen verlegen, als er sagt, Rafael sei eigentlich die Seele des Studios. Die Leute hier sind vorsichtig mit großen Worten, aber tatsächlich kann sich keiner vorstellen, wie es ohne ihn sein wird.

„Komm kleiner Scheißer, geh mal rüber zu den alten Knackern und zeig denen, was du drauf hast!“ „Kleiner Scheißer“ – so nennt Rafael den jüngeren Bruder, der als P-Zak zum hoffnungsvollen Nachwuchs der Berliner Hip-Hop-Szene gehört. Rafael organisiert ihm Begegnungen mit etablierten Musikern aus seinem Bekanntenkreis, versucht Türen zu öffnen. Dass Philipp seinen Weg machen wird, steht für den großen Bruder außer Frage. Er ist sein größter Fan, die Songs hat er immer auf dem iPod.

Es läuft gut für Rafael, er ist angekommen in einem guten Leben. Selbst in der Liebe kann er sich darauf verlassen, dass trotz der vielen kleinen Streitereien und kurzen Trennungen immer schon die nächste Versöhnung mit der Freundin in Sicht ist. Die beiden denken an Kinder.

Am Morgen nach ihrem vierten Jahrestag hört Rafael Pietrzaks großes Herz auf zu schlagen, ganz plötzlich und unerwartet. Sebastian Rattunde

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