• Rainer Maria Woelki zu Flüchtlingen: „Das Vorgehen des Senats ist nicht in Ordnung“

Rainer Maria Woelki zu Flüchtlingen : „Das Vorgehen des Senats ist nicht in Ordnung“

Der scheidende Erzbischof Rainer Maria Woelki zieht vor seinem Wechsel nach Köln Bilanz – und kritisiert den Umgang des Senats mit Flüchtlingen. Es sei unsere Pflicht, diesen Menschen zu helfen.

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Kardinal Rainer Maria Woelki hat in seinen drei Jahren in Berlin viel angestoßen und auch Kritik geerntet.
Kardinal Rainer Maria Woelki hat in seinen drei Jahren in Berlin viel angestoßen und auch Kritik geerntet.Foto: dpa

Herr Woelki, wo lebt es sich besser als Kardinal: in Berlin oder in Köln?

In Berlin lebt es sich sehr gut, gerade hier im Wedding.

Aber das Berliner Erzbistum hat wenig Geld und wenig Priester ...

Ich habe versucht, mit dem zu arbeiten, was hier vorhanden ist. Damit haben wir eine Menge angestoßen. Meine Bischofskollegen sind der Ansicht, dass wir als katholische Kirche in der Hauptstadt viel präsenter sein müssen. Dafür habe ich mich in den vergangenen drei Jahren eingesetzt. Die Bischofskonferenz hat jetzt eine Arbeitsgruppe beschlossen, die dafür Vorschläge ausarbeiten soll.

Sie haben sich stark in der Flüchtlingspolitik engagiert. Hatten Sie manchmal das Gefühl, die Politik lässt Sie hängen?

Wir hätten uns manchmal schnellere und beherztere Unterstützung gewünscht. Manchmal mussten wir Druck aufbauen, etwa mit dem Runden Tisch. Aber es war klar: Funktionieren kann das nur, wenn alle zusammenarbeiten.

Die Politik hat den Flüchtlingen und den Kirchen versprochen, die Einzelfälle hier in Berlin zu prüfen. Das ist nicht geschehen. Fühlen Sie sich hinters Licht geführt?

Das ist nicht in Ordnung. Ich hoffe, dass sich der Senat an die Absprachen hält. Wir – also Caritas und Diakonie – werden uns weiter für die Anliegen der Flüchtlinge einsetzen.

Wie sollte Berlin in Zukunft mit Flüchtlingen umgehen?

Es muss uns gelingen, die Situation in den Herkunftsländern politisch so zu verändern, dass die Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen. Es ist ein Skandal, dass wir im reichen Westeuropa oft auf Kosten dieser Menschen leben. Und es ist unsere verdammte menschliche Pflicht, den Menschen zu helfen, die hierher kommen. Dass wir ihnen Unterkunft und zu essen geben, medizinische und rechtliche Beratung. Wir müssen sie auch beraten, wie sie wieder zurückkehren können. Viele werden von Schleuserbanden mit falschen Versprechungen hierher gelockt.

Im Erzbistum hinterlassen Sie große Baustellen. Zum Beispiel die Umgestaltung der St.-Hedwigs-Kathedrale. Viele Ost-Berliner haben sich geärgert, weil Sie von dem „Loch“ gesprochen haben, das zugeschüttet werden müsse.

Der Begriff „Loch“ kam nicht von mir. Als ich hier neu war, habe ich das so verstanden, die „Öffnung zur Unterkirche“, wie es richtig heißt, würde als das „Loch“ bezeichnet. Ich dachte, okay, das ist die Berliner Schnauze, so reden die hier darüber.

Haben Sie unterschätzt, wie sehr Ost-Berliner Katholiken an der Kathedrale hängen?

Als Zugezogener hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass die Kathedrale auch 25 Jahre nach dem Mauerfall ein so wichtiges Stück ostdeutscher Identität ist. Ich habe unterschätzt, wie emotional dieser Ort besetzt ist. Hier haben die Menschen in der DDR Gemeinschaft erfahren, konnten aus dem Alltag ausbrechen. Aber man darf die Vergangenheit nicht benutzen, um Identität für die Zukunft zu stiften. Heute hat jeder fünfte Katholik in Berlin einen Migrationshintergrund. Auch für die ist die Bischofskirche katholische Identität.

Eine andere Baustelle ist die Strukturreform in den Gemeinden. Da gibt es auch Widerstand.

Es ist unsere Aufgabe als Christen, den Menschen Christus zu bringen – in der Flüchtlingsfrage, der Sozialpolitik, den Schulen. Wir müssen den Berlinern ein Angebot machen. Strukturen sind da zweitrangig.

Die Katholiken sollen sich also nicht so haben, wenn sich die Strukturen ändern?

Es ist klar, dass das Ängste evoziert. Aber diese Reformen gibt es in allen Bistümern. Und überall gibt es auch Widerstand. Man sollte das nicht so hoch hängen. Wir stehen ja erst am Anfang.

Wie lange wird der Prozess dauern?

Wir haben 2020 angepeilt. Aber auch dann wird es weitergehen müssen. Die gesellschaftliche Situation ändert sich ständig, darauf müssen wir immer wieder neue Antworten finden.

Ein Grund für die Umstrukturierungen ist der Priestermangel. Vielleicht wird 2020 anders über den Zölibat diskutiert? Vielleicht ist der Beruf dann attraktiver?

Auch in der orthodoxen Kirche fehlen Priester, obwohl die Priester dort heiraten dürfen. Es fehlt auch an Religionslehrern und Pastoralreferenten. Das hat wenig mit dem Zölibat zu tun.

Sie haben sich mit Schwulen und Lesben getroffen und gehen freundlicher als andere Bischofskollegen mit Menschen um, die ihr Leben anders leben, als es sich die katholische Kirche wünscht. Hat das mit Berlin zu tun?

Ich habe hier viel gelernt. Zum Beispiel, dass man mit Menschen, die andere Lebensmodelle leben, reden kann und muss. Ich trete ihnen mit Respekt und Achtung gegenüber, ohne diese Lebensentwürfe zu teilen. Viele teilen ja auch nicht meinen Lebensentwurf, und ich erwarte, dass man auch mir mit Respekt und Achtung begegnet. Das ist mir in diesem bunten, vielgestaltigen Berlin klar geworden. In Köln hatte ich mich doch sehr in geschlossenen katholischen Milieus bewegt.

Auch der Regierende Bürgermeister lebt ein anderes Lebensmodell. Sie scheinen sich blendend verstanden zu haben. War das mehr als ein professionelles Verhältnis? Vielleicht eine Freundschaft?

Na ja, Freundschaft ist ein großes Wort. Ich rechne ihm hoch an, wie er Papst Benedikt in Berlin begrüßt hat. Ich habe Achtung und Respekt vor seiner Lebensleistung. Natürlich gibt es da auch Dinge, die weniger gelungen sind, wie der Flughafen. So ist das in jedem Leben, auch in meinem. Wir hatten auch Differenzen: Ich hätte mir gewünscht, er wäre uns beim Religionsunterricht mehr entgegengekommen. Aber Herr Wowereit ist mir immer fair, verlässlich und herzlich begegnet. Und wenn es schwierig wurde, etwa in der Flüchtlingspolitik, hat er sich persönlich eingeschaltet.

In Berlin wohnen Sie in einer Mietwohnung in Wedding. In Köln wartet das Bischöfliche Palais auf Sie. Mit welchen Gefühlen ziehen Sie dort ein?

Das Erzbischöfliche Haus in Köln ist ein riesiger Kasten aus den 50er Jahren. Es ist für einen Erzbischof angelegt, der mit einem Hofstaat einzieht, mit Ordensschwestern und Sekretär. Für mich ist das Haus viel zu groß. Da wohnen zu müssen, ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Wo früher die Ordensschwestern gelebt haben, habe ich eine Wand einziehen lassen, um eine einigermaßen abgeschlossene Wohnung zu haben. Da entsteht auf der anderen Seite eine weitere Wohnung.

Sie könnten dort eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen.

Das haben Sie vorgeschlagen. Ich werde solche und ähnliche Ideen in jedem Fall mit meinen Mitarbeitern in Köln beraten.

Am 7. September feiert Kardinal Rainer Maria Woelki in St. Hedwig seinen Abschiedsgottesdienst. Am 20. September tritt er sein neues Amt als Erzbischof von Köln an.

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