Berlin : Rainer Tobias Ebert (Geb. 1952)

"Irgendwann, alleine in der Wüste, übe ich das Altwerden."

Jacob Manthey

Schon als Kind wollte Tobias nicht schlafen, weil er das Licht und die Bewegung so lieb hatte wie die Bilder von Sauriern und Indianern. Behütete Kinder- und Schuljahre rasten viel zu schnell vorbei. Sie fanden in einem ehemaligen Lagerhaus einer Papierfabrik statt. Im Halleschen Kröllwitz, direkt am Westufer der Saale, verfällt das längst verwaiste Gebäude seit Jahren.

Der Vater, ein berühmter Maler, ermöglichte die Erfüllung kleinerer Wünsche aus der westlichen Welt: Tobias mochte die Musik von Janis Joplin, den Doors und Mick Jagger. Es war nicht komisch, wenn er stattdessen mal eine James-Last- Platte bekam. Oder doch: Vor dem versammelten Freundeskreis flog die Vinylscheibe 80 Meter weit bis zum anderen Saale-Ufer. In den Flammen eines Knäckerchens, so nennt man in Halle ein kleines Feuer, ging das Hochglanzcover auf, und James Last verzerrte sich zum giftgrün fluoreszierenden Wurzelmännchen.

Tobias erbte Vaters Kunstgen. In die Sandsteinfelsen hinter dem Lagerhaus meißelte er Fabelwesen und Köpfe erfundener Gottheiten.

Die Jahre als Steinmetz ruinierten seine Lunge. Später war es die Chemie in der Kunstdruckerei, die seiner Haut Böses antat.

1981 wurde die DDR zu klein, und Tobias folgte einigen Freunden in den Westen. Wegen des Lichts und der Weltweitennähe ging er nach Hamburg.

Einem zurückgebliebenen Freund hatte er versprochen, sich erst nach der Umarmung im gelobten Land wieder zu rasieren. Mit einem gewaltigen Vollbart empfing Tobias den Freund nach zwei Jahren am Hamburger Hauptbahnhof. Neider der Freundschaft und Verteidiger seines großartigen Humors behaupteten noch Jahre später, der Bart sei angeklebt gewesen.

Schnell avancierte Tobias zu einem kleinen Malerfürst. Das Licht und die grenzenlose Freiheit, schwor er, waren seine einzigen Energiequellen. Seinen unsichtbaren Ehrgeiz verbarg er hinter großer Geselligkeit und einer Egozentrik, die ihm nur Kleingeister übelnahmen.

Die Schweiz rief nach seinen Bildern. Doch kunstferne Zollbeamte ließen die Gemälde nicht über die Grenze. Ohne ein Bild fuhr Tobias nach Basel und malte in den acht Tagen und sieben Nächten bis zur Vernissage alle Bilder neu. Die Galerie befand sich neben einem Hospiz. In dessen Waschküche befand sich Tobias’ Behelfsatelier.

Er hatte Erfolg und baute aus Flohmarktpersern ein großes Berberzelt in die Mitte seiner Fabriketage. Weil ihm ja das Licht so lieb war, schlief er wenig und trank viel. Ein dunkelblauer Alfa Romeo Sport stand dem blendend aussehenden Kerl gut. Frauengeschichten hätten, wenn es nach ihm gegangen wäre, immer erst in einer Ehe geendet. Statt 40 wurden es zwei. Mit Rockertina, der zweiten, bekam Tobias die Tochter Sahra. Er liebte sein Kind und brachte ihm zuallererst die lateinischen Namen der Saurier bei. Es klang schön und erfüllte den Vater mit Stolz, wenn der 30 Monate junge Zwerg Tricerantops, Eoraptor Lunensis oder Skipionyx benannte.

Wieder die Liebe zum Licht zog Tobias zur morgenländischen Kultur und in die Wüste. Einige Reisen nach Ägypten, allein, zu zweit und nie zu dritt, kommentierte er in hallescher Mundart: „Irjendwann, alleene in dr Wisde, iwe ich’s Aldwärn.“

Der Liebe wegen kommt Tobias nach Berlin und wird unglücklich. Das Malen lässt er, das Trinken nicht. Die großen Träume bleiben und die vertraute Eitelkeit auch. Die Zukunft wird für Tobias zur Gegenwart. Im Sommer 1999 verliert er alles – und findet sein letztes Obdach im „Haus Langhans“, einem Asyl für Suchtkranke. Zu den wenigen Besuchern sagt er, dass sein Mobiliar zwischengelagert sei und im nächsten Monat eine neue Bude bereitstünde. Das Thema wird nie vertieft, weil seine unzähligen Geschichten jeden Ernst ersticken. Gegen Ende eines Besuchs fragt er immer nach fünf Euro und bekommt nie weniger als zehn. Das Geld tauscht er ganz nah gegen Pilsener. Ginge er weiter, fände er womöglich nicht zurück. Sein Zimmer im zweiten Stock des Weißenseer Eckhauses erinnert von Jahr zu Jahr mehr an den frühen Tobias. Kleine figürliche Bleistiftzeichnungen an der Waschbeckenwand und fremde Männer mit Turban oder Helm illustrieren die Raufasertapete. Wer in das aufgeräumte, immer nach Tobias riechende Zimmer vorgelassen wird, meint, dieser Mann, der sich selbst verloren hat, will wenigstens das Malen und Zeichnen noch behalten.

Einmal im Monat besucht ihn seine Mutter aus Halle. Sie schafft das auch noch mit 87. Der Sohn wird schwach, und im Krankenhaus sagt man nichts Gutes: Vielleicht noch ein oder zwei Monate blieben ihm.

Es werden ein paar mehr, Tobias wird noch einmal kräftiger und zeigt auf Fotos den geübten Blick von Stärke. Nuancen von Eitelkeit und Stolz präsentiert er noch einen halben Sommer lang. Als die Tage beginnen, ihr Licht an die Nacht zu verlieren, will er weg.

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