Berlin : Randale auf dem Rasenplatz

Hetze, Prügel, Pöbelei: Der Hass spielt oft mit im Amateur-Fußball. Wie Polizisten und Sozialarbeiter die Gewalt in den Griff bekommen wollen

-

Was ist bloß los mit der schönsten Nebensache der Welt? Allein in Berlin müssen Woche für Woche ein, zwei Fußballspiele abgebrochen werden. Da gehen die Alarmglocken an, auch weil man sofort aktuelle Bilder im Kopf hat.

Wie die aus Leipzig am vergangenen Wochenende: Ein offensichtlich organisierter Mob nutzt ein Pokalspiel zwischen Fünft- und Sechstligisten, um auf Polizisten loszugehen und mehr als drei Dutzend zu verletzen. Sind wir also „kurz vor Catania“? Beim sizilianischen Lokalderby gegen Palermo eine Woche zuvor hatten Ultras, „Fans“ der italienischen Spezialmischung aus Hooliganismus, Rechtsextremismus und Mafia, für bürgerkriegsähnliche Szenen gesorgt und einen Polizisten umgebracht. Er ist nicht der erste Tote im italienischen Fußball. Und Catania – Palermo war ein Erstligaspiel.

Deutsche Hooligans, warnen alle möglichen Experten zurzeit, seien zwar erfolgreich aus dem Profiliga-Fußball verdrängt worden, schwappen aber in die unteren Ligen. Dahin, wo es keine Gesichtskontrollen und Stadionverbote gibt, wo verfeindete Fanblöcke weder voneinander noch vom Spielfeld getrennt sind.

Haben wir hier bald „italienische Verhältnisse“ mit Messerstechereien, Brandsätzen, Hitlergruß und Toten?

Nein. Denn die Bilder und Zahlen dieses Szenarios haben in Wirklichkeit weniger miteinander zu tun als Äpfel und Birnen. Dass der italienische Fußball zurzeit auseinanderfliegt, liegt nach allem, was man weiß, an jahrelanger Korruption und Ignoranz in Sachen Sicherheit. Der Gewaltexzess in Leipzig hat laut Ermittlungen auch damit zu tun, dass sich ein Fernsehteam für Aufnahmen zum Reizthema „rechte Gewalt und Fußball“ angekündigt hatte und Hools und Neo-Nazis mindestens so fernsehgeil sind wie andere Leute.

Der Gewaltexzess war auch eine Inszenierung, so sich wie mancher Jung-Türke aus „Problemkiezen“ vor laufender Kamera mit Messer und Kanak-Sprak aufplustert. Und schließlich, um nach Berlin zurückzukommen: Den ein, zwei abgebrochenen Spiele stehen etwa 1600 nicht abgebrochene gegenüber. Denn so viele organisiert Woche für Woche allein der Berliner Fußballverband (BFV) mit seinen hunderttausend Mitgliedern.

„Wir haben rund dreihundert Vereine“, sagt Gerd Liesegang, seit gut zwei Jahren BFV-Vizepräsident. „Dahinter verbergen sich fast 3200 Mannschaften. Von Ü 4 bis Ü 60.“ Von Knirps bis Greis, heißt das. Kinder müssen über vier sein, um Junioren zu werden, aber die Senioren über sechzig sitzen lange nicht auf der Bank.

Ja, und Krawall gebe es natürlich, sagt Liesegang. Aber: „Wir stellen endlich einen erfreulichen Trend auf Berlins Fußballplätzen fest: Die Zahl der Spielabbrüche geht zurück.“ Während man 2001/ 2002 noch 109 Spielabbrüche beklagen musste („unser schlimmster Rekord im Berliner Fußball“), so lag die Zahl in der vergangenen Saison nur noch bei 73 – bei 32 000 Pflichtspielen pro Saison.

Warum die Spiele überhaupt vorzeitig abgebrochen werden? „Da kann das Licht ausfallen, da kann der Gegner sagen: Ihr seid mir zu stark, ich hab keinen Bock mehr. Da kann aber eben auch Gewalt passieren.“ Zuschauer greifen den Schiedsrichter an oder einzelne Spieler. Spieler und Zuschauer prügeln sich untereinander oder gegenseitig. Und dann sind da noch verbale und gestische Attacken, die den Handgreiflichkeiten immer vorausgehen. Die Grauzone zwischen Anstand und krimineller Energie. Fans funktionieren gern nach der Devise: Angriff ist die beste Verteidigung. Die gegnerische Mannschaft niedermachen, um die eigene zu unterstützen. Beleidigungen allerdings sind die erste Eskalationsstufe.

Am 26. September 2006 wird in Köpenick ein Spiel zwölf Minuten vor Ende abgebrochen, weil niemand der Verantwortlichen die Eskalation verhindert hat und die Spieler der einen Mannschaft sich nicht länger beleidigen lassen mögen. „Schon beim Auflaufen gab es antisemitische Ausbrüche von einer Zuschauergruppe“, erzählt Tuvia Schlesinger, „,Juden raus’ und ,Synagogen müssen brennen’.“ Schlesinger ist Vorsitzender von TuS Makkabi Berlin, einem 1970 in West-Berlin wiedergegründeten jüdischen Traditionsverein, der programmatisch offen ist für alle hiesigen Nationalitäten und Ethnien. Spielgegner ist die VSG Altglienicke. Das Spiel war verschoben worden, weil am üblichen Sonntag einer der hohen jüdischen Feiertage war, Rosh Hashana, das Neujahrsfest.

Es ist an diesem Dienstag also auch dem letzten Laien im Köpenicker Stadion bekannt: Hier ist „was mit Juden“. Es ist auch mit fünfzig, sechzig Leuten vergleichsweise gut besucht. Und ein paar davon sind offenbar nur da, weil sie „was gegen Juden“ haben und das, nach Antrinken von „Mut“, unbedingt kundtun müssen.

„Die einen sagen zehn bis fünfzehn Leute, die andern fünf bis zehn, der Verein spricht von drei“, sagt Schlesinger, „spielt keine Rolle, das Erschreckende war, dass niemand etwas dagegen getan hat.“ Die Makkabi-Spieler versuchen immer wieder, den Schiedsrichter zum Eingreifen zu bewegen. Aber der hört angeblich weder von der „U-Bahn nach Auschwitz“, die die Kampftrinker bauen wollen, noch die einzige Parole, die sogar die VSG-Offiziellen mitkriegen: „Hier regiert nicht der DFB, hier regiert die NPD!“ Letztere hat in Köpenick ihr Hauptquartier und sitzt seit der Wahl zehn Tage vorher in der Bezirksverordnetenversammlung.

In der 78. Minute bekommt Makkabi einen Einwurf, direkt vor den Störern, wieder begleitet von Sprüchen, wieder weisen Spieler den Schiri darauf hin, wieder hat der nichts gehört, obwohl er nur ein paar Meter weg steht. „Da haben sie entschieden: das tun wir uns nicht mehr an.“ Und gehen. Jetzt werden Vereinsleute aktiv, versuchen, die Störer zu entfernen, rufen die Polizei. Die kommt „eine Dreiviertelstunde, nachdem alles vorbei war“. Tuvia Schlesinger ist selbst Polizist, kennt Straßenschlachten aus seiner Zeit bei den geschlossenen Einheiten und ist heute Hauptkommissar in einem Abschnitt in Mitte. Aber nicht deshalb nimmt er die Kollegen in Schutz. „Polizei kann sich immer nur so gut kümmern, wie sie Informationen hat.“ Vermutlich haben die Altglienicker einfach ein paar Randalierer gemeldet, die aus einem kleinen Stadion entfernt werden sollen. Nichts, was Eilbedürftigkeit signalisiert hat. Denn auf dem Fußballohr ist die Berliner Polizei alles andere als taub. Die operativen Kräfte mit ihren „szenekundigen Beamten“ arbeiten nicht erst seit den Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft und kennen auch nicht nur ihre Kundschaft bei den großen Profispielen. Polizei ist bei Stadionumbauten genauso dabei wie bei Auswärtsspielen. Und ganz oben im Stab des Polizeipräsidenten angesiedelt arbeitet die LIS, die Landesinformationsstelle Sporteinsätze, die ihrerseits mit der Bundeszentrale ZIS vernetzt ist.

Hubert Müller, 53 und Polizeihauptkommissar, ist seit gut zwei Jahren bei der LIS. Hier entstehen die Lagebilder, aufgrund derer Polizeieinsätze entwickelt werden. Für alle Sportereignisse, auch Fußball. „Wir ermitteln nicht selbst, wir verarbeiten Informationen von Vereinen, Fanorganisationen, szenekundigen Beamten, alles, was einsatzrelevant ist.“ Eine Unmenge von Details plus Weltpolitik. Ein Krieg im Libanon hat eben Ausläufer im Verhalten muslimischer Jugendlicher auch in Berliner Fußballvereinen. All das zu sortieren und zu gewichten, schafft kein Computer, das braucht den menschlichen Faktor Erfahrung. Müller war lange Jahre selbst „draußen“ bei den operativen Kräften. Er kennt seine Leute, Orte, Vereine. Und sie kennen ihn oft auch. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist er äußerst zurückhaltend, was Trends betrifft. Für Aussagen, die in Schlagzeilen passen, fehlt ihm schlicht der Datenboden. Die Kriminalität rund um Fußballspiele ist in den unteren Ligen nicht so minutiös durchleuchtet wie in den oberen, aus banalen technischen Gründen. Alle polizeilichen Vorgänge – vom Verkehrsunfall bis zum Amoklauf – werden digitalisiert erfasst in POLIKS, dem Polizeilichen Landessystem zur Information, Kommunikation und Sachbearbeitung. Das hat aber bisher keinen „Marker“ für Kausalzusammenhänge zwischen „Fußball/Stadion“ und zum Beispiel Gewaltdelikten. POLIKS kann zwar errechnen, wie sich die Zahl der Körperverletzungen in dieser und jener Gegend verändert, aber nicht, ob die mit Fußballspielen zu tun haben. Dazu kommt, dass selbst Straftaten in Stadien oft erst später angezeigt werden, wenn überhaupt. Und ob dahinter rassistische, antisemitische, sexistische oder andere Hassmotive mit Wiederholungsgefahr gesteckt haben, also größeres Augenmerk verlangt ist, das weiß man mit Sicherheit nur, wenn die Täter genau dafür bekannt sind. „Meistens ist das situativ und spontan“, sagt Müller, „Vereine spielen etliche Male gegeneinander, nichts passiert, und plötzlich gibt es ein Foul, eine strittige Schiedsrichterentscheidung, und das eskaliert. Auch aus dem Zuschauerbereich. Das kann man nicht prognostizieren.“

Einen möglichen gefährlichen Trend, den man nicht genau kennt, bekämpft man nicht mit mehr Repression, sondern mit der Erweiterung der präventiven „Kampfzone“. Wer erwachsene Hools nicht möchte, muss sich um die Jugendlichen und Kinder kümmern. Genau das passiert bei Berliner Polizei wie Vereinsfußball, und zwar seit neun Jahren systematisch. „Ich hab ja damit angefangen“, erzählt Gerd Liesegang, damals Jugendtrainer in einem Kreuzberger Verein. Als Kids aus seiner Mannschaft nach einem Spiel andere angreifen, wird er aktiv. Er stellt fest, dass das kein Einzelfall ist, „und ich hab mich dann geoutet, wie das so heißt: Ich hab ein Problem!“ Er wendet sich an den Bezirk, an den BFV und bringt „einen Hilfeschrei“ in die „Fußballwoche“. Den liest unter anderem Hubert Müller und bietet seine Hilfe an. „Und daraus ist schließlich die AG Fairplay im BFV entstanden. Damals war Berlin Pionier, heute ist das bundesweit eine Institution.“

Die AG Fairplay besteht vor allem aus ehrenamtlicher Arbeit. Auch Detlef Röder, im BFV-Jugendausschuss für Anti- Gewalt-Projekte zuständig, beobachtet die Spiele schon der Knirpse von der G-Jugend in seiner Freizeit, redet mit Trainern und Schiedsrichtern, spürt Probleme auf und organisiert Lösungen. „Hauptproblem sind die Eltern“, beobachtet er seit dreißig Jahren. „Am Frühstückstisch wird Politik gemacht, da heißt es ,Scheiß Türken’ oder ,Scheiß Deutsche’, und wenn’s extrem kommt: ,der hat Vatern den Job weggenommen’. Diese voreingenommene Feindlichkeit meine ich.“ Die schleppen Fünfjährige auch mit ins Match, wo sie vom Herrn Papa oft erst aufgeputscht und zusammengestaucht werden, wenn sie nicht siegen.

Verbale Gewalt ist für Mathias Ramsauer der Schlüssel. „Wenn Kinder sich schon begrüßen mit ,Hurensohn’ – dieser Trash-Talk muss aufhören, da muss man ansetzen.“ Aus verbaler Provokation wird körperliche Aggression, und die endet auch schon mal mit gezückten Messern. Ramsauer weiß, wovon er spricht und dass diese Dynamik nicht nur auf Fußballplätzen gilt. Er ist Rektor einer Schule, in der sie bei Kontrollen der Schüler „Messer ohne Ende“ finden und auch mal Baseballschläger, auf dem Schulweg im Gebüsch versteckt. Er hat das Streetball-Projekt mitentwickelt und ist von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung abgeordnet zur AG Fairplay. Röder und Ramsauer wollen sich jetzt die Vereine vorknöpfen und Tacheles reden. „In Sachen Eltern und in Sachen Trainer“, sagt Ramsauer. „Die sind nämlich Vorbilder, und die müssen auch lernen, dass man sich dem Schiedsrichter gegenüber benimmt und den nicht beleidigt.“

Ab einer bestimmten Grenze sind Beleidigungen auch keine Geschmacksfrage mehr. „Wo die Persönlichkeit des Menschen angegriffen wird, aufgrund seiner Religion oder Abstammung“, da ist für Ramsauer „Schluss mit lustig“. Da wird es bereits kriminell. Wer „Jude“, „Schwuler“, „Neger“ oder „Kanake“ als Schimpfwort benutzt, um jemanden herabzusetzen, begeht eine Straftat. So wie im September in Köpenick. „Wir sind damit bewusst so offensiv an die Medien gegangen“, sagt Tuvia Schlesinger, „weil wir als Juden ja nicht die einzigen Betroffenen sind. Es werden dunkelhäutigen Spielern Bananen hingeworfen, türkischen Spielern Fladenbrote. Und das ist auch kein Phänomen, das es nur im Ostteil der Stadt gibt. Auch im Westteil kann man hören: ,Schiri, haben dich die Juden gekauft mit ihrem Geld?’“ Das ist nicht mehr nur latenter Judenhass. Er funktioniert genauso wie „muslimisch gleich Terrorist. Das sind einfach Dinge, gegen die Makkabi immer den Mund aufmachen wird. Auch wenn wir dadurch Nachteile haben.“

Die Nachteile folgten im Spiel prompt. Ein Makkabi-Spieler, der die pöbelnden Kampftrinker anbrüllt, bekommt die Gelbe Karte von dem Schiedsrichter, der sonst nichts hört. Ein zweiter, der ihn ermahnt, etwas gegen die Störer zu tun, sieht Gelb-Rot. Auf dem Parkplatz werden Makkabi-Spieler schließlich körperlich bedroht. Dass all das stattgefunden hat, haben unabhängige Zeugen bestätigt. Hinterher. Eingreifen mochten sie nicht. Bei der Sportgerichtsverhandlung aussagen auch nicht. „Und das ist das Erschreckende an dieser ganzen Geschichte, so weit ist es gekommen, dass man sich nicht mehr traut, mit seinem Namen und Gesicht einzutreten für Beobachtungen, die man gemacht hat.“

Erwachsene, die schon da lieber auf Fairplay verzichten, als Zivilcourage zu zeigen, wo es sie nichts kosten würde, sind das allerschlechteste Vorbild für den Nachwuchs. Die Schäden, die sie anrichten, kann keine Polizei reparieren. Sie sind wie das meiste, was an Kriminalität entsteht, Aufgabe der Zivilgesellschaft.

Seite 22

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben