• Rarität beim Berliner Kunsthandel Wolfgang Werner - Mappenwerke aus dem Jahr 1923 von Moholy-Nagy, Lissitzky, Péri und Schlemmer

Berlin : Rarität beim Berliner Kunsthandel Wolfgang Werner - Mappenwerke aus dem Jahr 1923 von Moholy-Nagy, Lissitzky, Péri und Schlemmer

Ronald Berg

bis 30. Oktober; Montag bis Freitag 10 - 13/15 - 18 Uhr, Sonnabend 10 -13 Uhr.Ronald Berg

Das Jahr 1923: Ruhrbesetzung durch Frankreich, Große Koalition unter Stresemann, Notgeldumlauf (etwa 500 Trillionen Papiermark), Auswanderungswelle (hauptsächlich nach USA). In Tokio ein Erdbeben mit 100 000 Toten, das Tempelhofer Feld wird Flugplatz, im Vox-Haus am Potsdamer Platz ertönt die erste Rundfunksendung. Johannes R. Becher schreibt immer noch expressionistische Gedichte, von Sigmund Freud erscheint "Das Ich und das Es", von Moeller van den Bruck "Das dritte Reich". In der bildenden Kunst arbeiten die Altmeister Picasso, Utrillo, Chagall und Corinth; Kandinsky macht schon in Abstraktion und Kolbe Figürliches. Es erscheint ein Manifest Proletkunst: "Die Kunst ist eine geistige Funktion des Menschen mit dem Zwecke, ihn aus dem Chaos des Lebens (Tragik) zu erlösen." Unterzeichner sind Theo van Doesburg, Tristan Tzara, Hans Arp und Kurt Schwitters.

Die beiden Letzteren gehören zu den sechs Künstlern, die der Berliner Kunsthandel Wolfgang Werner derzeit mit Mappenwerken ausstellt, die alle im Jahr 1923 erschienen sind. Nicht nur das macht die Ausstellung zu einer kleinen Sensation. Bei den anderen Künstlern handelt es sich um Moholy-Nagy, El Lissitzky, László Péri und Oskar Schlemmer. Private Bekanntschaften und künstlerische Bezüge verbinden die Künstler untereinander: Alle gehören in den Umkreis der dadaistischen und konstruktivistischen Avantgarde.

1923 erlebte der Konstruktivismus in Deutschland seinen Durchbruch. Bereits im Mai des Vorjahres hatte sich auf dem Düsseldorfer "Kongress der fortschrittlichen Künstler" die "Internationale Fraktion der Konstruktivsten" abgespalten. Anfang 1923 stellen El Lissitzky und im Mai / Juni Moholy-Nagy in der Kestner-Gesellschaft Hannover aus. Der Leiter des Kunstvereins, Eckardt von Sydow, gibt die Anregung zur Herausgabe von Mappenwerken. Die Mappen kommen schließlich noch im gleichen Jahr im Verlag des Buchhändlers Ludwig Ey heraus.

El Lissitzkys "Proun"-Mappe ist die erste von insgesamt sechs Künstlermappen der Kestner-Gesellschaft. Er bezieht sich in den sechs Farblithografien auf seinen Proun-Raum, den er im gleichen Jahr auf der Großen Berliner Kunstausstellung eingerichtet hatte: eine Art von Installation mit farbigen Brettern und Kanthölzern, in konstruktivistischer Manier, nur eben dreidimensional. Die geometrisch-plastischen Arbeiten sollten den Raum in ein dynamisches Gebilde verwandelten. "Wir wollen den Raum als gemalten Sarg für unseren lebenden Körper nicht mehr", erklärt Lissitzky seine Absicht. Der Proun-Raum wie die dazu gehörigen Lithos sind nicht nur Kompositionen für die sechs konstituierenden Flächen eines Raumes, sie sind auch Vorspiel für die Konstruktion einer neuen Gesellschaft. Kunst bedeutet für den ausgebildeten Ingenieur Lissitzky in erster Linie Technik.

Moholy-Nagy denkt dagegen mehr ästhetisch, das heißt: er arbeitet an den Wahrnehmungsformen. Seine Kestner-Mappe zeigt transparente Konstruktionen aus Rechtecken, Halbkreisen, Streifen, mit denen er Kräfteverhältnisse visuell organisiert. Ein Blatt der Mappe zeigt den handschriftlich eingetragenen Preis: 15 Reichsmark. Der heutige geht in die Hunderttausende.

László Péri kommt 1920 von Ungarn nach Berlin, wo er wie Moholy-Nagy ab 1922 in Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm" ausstellt. Anfangs präsentiert er noch Figürliches aus Beton. 1923, in der Mappe des Sturm-Verlages, lassen die Linolschnitt-Konstruktionen an dreidimensionale Gebilde denken. Flächen und Farben, Licht und Schatten ahmen Tiefe und Plastizität nach. Péri "erzeugte aus harten gegensätzlichen Verhältnissen flächiger Formen eine gewaltige räumliche Geladenheit", wie es im Vorwort zur Mappe heißt. Dem Künstler geht es um die Stabilität des Raumes durch die Konstruktion von sich gegenseitig aufhebenden Spannungen. Die Raumkonstruktionen sind in dicken schwarzen Balken ausgeführt, die Flächen dagegen nur sehr zurückhaltend in Grau eingesetzt. Tatsächlich wendete sich Péri seit 1924 der Architektur zu. Die 12 Blätter seiner Mappe können als Vorentwürfe dazu gelesen werden.

Auch von Schlemmer sollte es ursprünglich eine Kestner-Mappe geben. Durch Weggang Eckardt von Sydows ist sie nicht mehr zustande gekommen. Die Mappe "Spiel mit Köpfen", Schlemmers einzige Grafikfolge, erschien statt dessen in Weimar und wurde in der Bauhausdruckerei hergestellt. Die sechs Lithografien zeigen die bekannten, typisierten Köpfe Schlemmers in zarte Blau- und Rotschleier gesetzt, die durch Spritztechnik entstanden.

Kurt Schwitters startete ebenfalls in Hannover und ebenfalls 1923 das Projekt seiner Merz-Mappen. Nur zwei sind schließlich verwirklicht worden: eine mit Schwitters eigenen Arbeiten und eine von Hans Arp. Arps sieben Lithografien tragen Titel wie "Schnurruhr", "Ein Nabel", "Eierschläger" und zeigen, schwarz auf weiß, amorphe Gebilde, die aus dem Zusammenfluß eines Schnurrbarts und einer Taschenuhr entstanden sein könnten. Dada einmal lustig und geradezu zeitlos, denn der "Nabel" könnte auch heute noch so aussehen: Er besteht nur aus einem schlichten, schwarzen Kreis.

Völlig anders dagegen Schwitters eigene "Merz Mappe": In sechs Lithografien ein Kaleidoskop aus Rechtecken, Kreisen, typologischen Fragmenten, Karomustern, zerschnittenen Formen, in denen Hasen auftreten und Baumkronen sich bauschen. Das alles schwebt kreuz und quer über das Blatt. Schwitters benutzte zur Herstellung dieser Kompositionen zerschnittene Offsetbögen, die er frisch aus der Druckmaschine auf den Stein "merzte", wie er sein Verfahren selbst nannte.

Das Ergebnis nimmt sich so aktuell aus, dass man an jüngste Produktionen der Malerei - etwa Daniel Richter - denken muss. Stammen die Collagen auch aus dem Jahr 1923, nehmen diese referenzlosen Formen doch viel von dem vorweg, was heute als Medienwirklichkeit beschrieben wird: die Simultanität des Zusammenhanglosen. Nie war Schwitters wertvoller als heute. (40 000 Mark, übrige Mappen auf Anfrage)Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72, bis 30. Oktober; Montag bis Freitag 10 - 13/15 - 18 Uhr, Sonnabend 10 -13 Uhr.
© 1999

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