Berlin : Rasende Polizisten

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In Berlin häufen sich in letzter Zeit Unfälle, bei denen Polizeiautos beteiligt sind. Der letzte liegt erst wenige Tage zurück: In der Nacht zum Sonnabend wurden zwei 24 und 26 Jahre alte Polizisten schwer verletzt, als sie auf der Kreuzung Neue Filandastraße/Albrechtstraße mit einem Golf zusammenstießen. Im April starben sogar zwei Passanten, die von Streifenwagen angefahren worden waren. Jedes Jahr sind Polizeifahrzeuge in rund 2000 Unfälle verwickelt, in 50 Prozent der Fälle sind die Fahrer sogar schuld. Der Sachschaden überschreitet regelmäßig die Millionen-Grenze.

Polizisten am Steuer ihres Funkwagens machen dieselben Fehler, die auch normalen Autofahrern unterlaufen: Sie sind zu schnell, missachten das Rotlicht von Ampeln an Kreuzungen, halten nicht genügend Sicherheitsabstand oder passen beim Wenden oder Rückwärtsfahren nicht auf.

Die Beamten am Sonnabend waren zu einer angeblichen Kneipenschlägerei am Steglitzer Damm unterwegs. Der anonyme Anruf stellte sich als falscher Alarm heraus. Anfang April überhörte auf der Provinzstraße in Reinickendorf ein betrunkener Fußgänger die Polizeisirene, stolperte auf die Straße und wurde erfasst. Rund einen Monat später starb er an seinen Verletzungen. Mitte April stießen zwei Funkwagen am Kronprinzessinnenweg in Wannsee zusammen. Dabei wurden drei Polizisten verletzt. Sie hatten zuvor einen Autofahrer verfolgt, der nach einem Unfall geflohen war. Zeitweise raste er mit über 200 Km/h über die Avus.

Trotz dieser zeitlichen Häufung von Unfällen mit Beteiligung der Polizei sei statistisch bisher ein Rückgang zu verzeichnen, sagte der für das Kraftfahrzeugwesen zuständige Erste Polizeihaupkommissar Dieter Breitenwischer. Im gleichen Vorjahresquartal habe es 31 Unfälle gegeben, dieses Jahr bislang 23. Allerdings sei durch die steigende Zahl der Einsätze, aufgrund des gestiegenen Verkehrs und der höheren Fahrzeugzahlen die Gefahr eines Unfalls größer. Polizeiintern heißt es, dass besonders bei Verfolgungsfahrten wie jener in Wannsee der „Jagdinstinkt“ der Beamten das Gefühl für verantwortungsvolles Fahren häufig verdränge. Als „sowas wie Bungee Jumping für Streifenpolizisten“ gelten Fahrten mit Blaulicht und Martinshorn.

Obwohl die Fahrer von Funkwagen selbst bei einer Blaulichtfahrt laut einer internen Dienstanweisung bei Rot an der Kreuzung kurz anhalten und sich vergewissern müssen, dass sie freie Fahrt haben, wird dies häufig unterlassen. Zu häufig, wie eine interne Untersuchung belegt. Rausreden können sich die Beamten nicht mehr, denn jeder Handgriff im Funkwagen wird in den 30 Sekunden vor dem Unfall und den 15 folgenden protokolliert. Unfall-Daten-Speicher (UDS) heißt der Zauberkasten, durch den die Unfallauswerter erfahren, wie der Fahrer in den Sekunden vor einem Zusammenprall reagiert hat. Manipuliert werden kann das Gerät nicht. Alle rund 500 weiß-grünen und zivilen Funkwagen sind damit ausgerüstet.

Auslöser für die Anschaffung der UDS-geräte war ein schwerer Unfall 1993 auf der Schloßbrücke in Mitte. Dabei hatte ein Polizist die Kontrolle über seinen Funkwagen verloren, der war in eine Fußgängergruppe gerast und hatte zwei Kinder tödlich verletzt. Fünf Menschen, darunter die beiden Polizisten, wurden schwer verletzt. Es stellte sich heraus, dass der Funkwagen bei einer Geschwindigkeit von etwa 80 Km/h auf Rollsplitt ins Schleudern geraten war. Wegen fahrlässiger Tötung war der Fahrer zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe verurteil worden.

Bei einem Probelauf, bei dem zunächst zehn Polizeifahrzeuge mit einem UDS ausgestattet waren, konnte eine drastische Senkung der Unfallzahlen registriert werden. Ein weiteres Phänomen: Die Zahl der „Parkplatzunfälle“, die nie jemand bemerkt haben wollte, sank ebenfalls. Denn das UDS registriert jeden Rempler. So ist nachvollziehbar, ob das Fahrzeug bei der Kollision auf dem Parkplatz stand oder unterwegs war. weso

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