Berlin : Rat der Bürgermeister entscheidet gegen Stiftung - In Berlin gab es 20 Lager

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Der Rat der Bürgermeister hat am Donnerstag mit großer Mehrheit einen Antrag der beiden PDS-Rathaus-Chefs Uwe Klett (Hellersdorf) und Wolfram Friedersdorff (Lichtenberg) abgelehnt, die eine städtische Stiftung Entschädigung von Zwangsarbeitern einrichten wollten. Friedersdorff zeigte sich "erschüttert über die pauschale Ablehnung". Er will sich mit Hilfe der PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus dafür einsetzen, dass die "Berliner" Zwangsarbeiter doch noch entschädigt werden. In Lichtenberg gab es nach den Worten des Bürgermeisters zahlreiche Lager für Zwangsarbeiter. Friedersdorf hat rund 1000 Namen aufschreiben lassen. Aus Sicht der meisten Bürgermeister könnte eine Berliner Stiftung zu Ungerechtigkeiten führen. Friedersdorff hält derlei Argumente für vorgeschoben.

Der Senat hat bislang keine Initiative zur Entschädigung der Zwangsarbeiter gezeigt. Senatssprecher Michael-Andreas Butz sagte dem Tagesspiegel, für die Zwangsarbeiter sei in erster Linie die Wirtschaft zuständig. Im übrigen werde das Land automatisch beteiligt - und zwar durch Zahlungen der Wirtschaft. Diese könnten die Unternehmen von der Steuer absetzen, was zu Verlusten beim Steueraufkommen der Stadt führen werde. Wenn die Bundesregierung die Stiftung für die Entschädigung eingerichtet habe, "wird noch einmal über die Beteiligung der Länder gesprochen werden".

In Berlin seien zwischen 1938 und 1945 etwa 700 000 Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen, sagte der Berliner Historiker Laurenz Demps (Humboldt-Universität) dem Tagesspiegel. Gesichert sei allerdings nur eine Zahl vom 30. Juni 1944: Damals seien nach Aufzeichnungen des damaligen statistischen Landesamtes rund 350 000 Zwangsarbeiter in Berliner Lagern untergebracht gewesen. Von allen zur Arbeit gezwungenen Menschen seien 6,4 Prozent bei der öffentlichen Hand beschäftigt gewesen. In Berlin gab es nach Erkenntnissen des renomierten Zwangsarbeiter-Forschers Demps 20 städtische Lager, in denen jeweils rund 500 "auswärtige Arbeiter der Reichshauptstadt" untergebracht waren. Eingesetzt wurden sie beispielsweise bei der Enttrümmerung der Straßen nach Luftangriffen, in Baukolonnen, die geringfügigere Schäden an Wohnhäusern reparierten und zersprungene Scheiben ersetzten. Als "Himmelfahrtskommando" galt die Entschärfung von Blindgängern unter dem Kommando der Polizeifeuerwerker. Hierfür wurden von der städtischen Polizei KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen nach Berlin beordert.

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