Berlin : Rauchbomben statt Weihrauch: Jesus Freaks gründen Gemeinde

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Von Christoph Villinger

Friedrichshain. Jesus war der erste Freak. Und Jesus wandte „sich im besonderen Maße den Verstoßenen und Armen zu, die außerhalb der Wertnormen dieser Gesellschaft leben“. So zumindest sehen es die Berliner Jesus Freaks, die am Sonntag offiziell eine Gemeinde werden wollen. Mit einem feierlichen Gottesdienst in den Räumen von „Dein Haus“ (Rudolphstr. 1) will die aus ungefähr 25 Leuten bestehende Kerngruppe, dies proklamieren. Die Berliner Jesus Freaks, die sich 1998 zusammengefunden haben, sehen sich als Teil der 1992 in Hamburg entstandenen Bewegung gleichen ns.

In Deutschland gibt es inzwischen ungefähr 150 Gruppen mit etwa 3000 Mitgliedern. Die Gruppen richten sich an Jugendliche, die zu so genannten Randgruppen gehören. Die 26-jährige Sprecherin Julia Bach berichtet, dass sie mit den offiziellen Kirchen wenig zu tun haben. „Wir arbeiten eher punktuell mit der Heilsarmee und mit der ,Berliner Stadtmission’ zusammen.“ Bis zu 200 Leute erwartet die Studentin der Erziehungswissenschaften am Sonntag um 17 Uhr zu ihrem Gottesdienst.

Zwei Rockbands aus Berlin und ein DJ werden aufspielen, dazu wird als Gastprediger Thomas „Sprotte“ Hering aus Dresden erwartet. „Wir machen Gottesdienst mit Lasershows, Rauchbomben, Diashows, mit gerapten Abendmahlsliturgien und Trash-Metal-Lobpreisliedern.“ So schwärmen sie zumindest auf ihrer Seite im Internet von der Kreativität, mit der sie „Gott ihre Liebe ausdrücken“ wollen. Doch sie sehen die Gefahr, es zu übertreiben. So ist für Julia Bach viel wichtiger, „endlich eine richtige Gemeinde zu werden, um alles verbindlicher zu gestalten“. Theologische Fragen interessieren sie dabei weniger. Dagegen sind gerade diese für ihre Mitstreiterin Nicole Hofmann wichtig. „Wir denken, die Bibel, so wie sie dasteht, ist wahr“, sagt die Psychologiestudentin. Auch wenn „Gott für die Erschaffung der Erde vielleicht etwas mehr als sieben Tage gebraucht hat“.

Nicole Hofmann will mit den Jesus Freaks ein Auffangbecken für gläubige Menschen bilden, die sich in normalen Kirchengemeinden nicht aufgehoben fühlen. „Zum Beispiel für eine Punkerin oder eine ganz in Schwarz gekleidete Frau.“

„In ihren Gottesdiensten benutzen sie die Musikformen der jugendlichen Subkulturen, und versuchen sich in einer entsprechenden Sprache“, so der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, Thomas Gandow. „Da wird dann Jesus zum total geilen Typ.“ Aber eine Sekte möchte er in den Jesus Freaks nicht sehen. Noch nie etwas von den Jesus Freaks gehört haben sowohl der Pressesprecher der evangelischen wie auch der katholischen Kirche in Berlin. Die geplante Gemeindegründung wollen sie nicht kommentieren. Gabriele Lademann-Priemer von der Beratungsstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen der nordelbischen Kirche in Hamburg beobachtet die Jesus Freaks als „altersspezifische Bewegung, aus der die Jugendlichen auch wieder herauswachsen“. Sie habe in ihrer Beratungsstelle „keine Beschwerden“ vernommen. Allerdings hätten die „Freaks“ rigide Moralvorstellungen: „Homosexualität und Sex vor der Ehe lehnen sie ab.“

Weitere Informationen:

www.jesusfreaks-berlin.de

www.religio.de

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