Berlin : Rauchen am Arbeitsplatz: Es liegt was in der Luft

I. Bach,T. Buntrock

"Stört es Dich, wenn ich rauche?" Viele Nikotinsüchtige warten bei dieser rhetorischen Frage nicht einmal die Antwort ab. Es gibt keine Waffengleichheit beim blauen Dunst - wie sollte ein Nichtraucher auch einen Raucher belästigen? Auch am Arbeitsplatz werden Zigaretten-Verachter zum Passivrauchen gezwungen. Ihnen springen nun Abgeordnete des Bundestages zur Seite. Am 31. Mai, dem Nichtrauchertag, geht ein Gesetzentwurf in die letzte Beratung, der Nichtraucher am Arbeitsplatz ein Recht auf rauchfreie Luft einräumt (siehe Kasten). Das Gesetz wird von allen Fraktionen des Bundestages als Gruppenantrag eingebracht, hat also gute Chancen, verabschiedet zu werden - es liegt was in der Luft.

Rechtssicherheit - die will auch Bernd Köppl, gesundheitspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Grüne im Abgeordnetenhaus. Allerdings geht sein Vorschlag weit über die Arbeitsplätze hinaus: "Überall dort, wo Nichtraucher und Raucher zusammentreffen, wird nicht geraucht." Für Raucher soll es Raucherzonen geben. Damit will Köppl die Nichtraucher aus der Rolle des Bittstellers herausholen. "Der Raucher ist mit seiner Sucht sehr dominant, und der Nichtraucher kann bisher nur darum bitten, dass auf ihn Rücksicht genommen wird."

Das bündnisgrüne Aktionsprogramm "Rauchfreies Berlin" setzt auf das Hausrecht des Senats. In allen öffentlichen Gebäuden - Schulen, Gerichte, Universitäten, Krankenhäuser, Schwimmbäder, Gefängnisse - sollen bis auf die Nikotin-Zufluchtsorte zigarettenfreie Zonen werden. Strafen soll es nicht geben, der Politiker setzt auf die soziale Kontrolle. Wer jetzt zum Beispiel im Bus rauche, werde von den anderen Fahrgästen oft zur Ordnung gerufen. Das müsse überall klappen. Köppl rechnet auch mit Unterstützung der Sozialsenatorin Gabriele Schöttler. In der Gesundheitsverwaltung reagiert man jedoch zurückhaltend: "Die Debatte, die Herr Köppl aufgreift, ist wünschenswert und kann die Gesundheitspolitik unterstützen", sagt Schöttlers Staatssekretär Friedrich-Wilhelm Dopatka.

In Berlin gab es schon früher Initiativen gegen den blauen Dunst: Mit einem Obulus von 250 Mark zusätzlich zum Gehalt versuchte ein Abteilungsleiter bei Siemens im November 2000 seinen Mitarbeitern das Rauchen abspenstig zu machen. Nichtraucher seien fitter und weniger anfällig für Krankheiten, begründete er die Aktion. Vier der 100 Beschäftigten in der Abteilung hatten den Vertrag unterschrieben. Was daraus geworden ist, dazu möchte der Siemens-Konzern aufgrund des Medienrummels, der daraufhin ausgebrochen ist, keine Auskunft mehr geben: "Die Aktion hat nur in einer einzigen Abteilung stattgefunden und gilt nicht für das gesamte Unternehmen", sagt Sprecherin Ilona Thede.

Raucher oder Nichtraucher - die Taxi-Unternehmen lassen ihren Fahrern die freie Wahl. "Es gibt Raucher- und speziell gekennzeichnete Nichtraucher-Taxis", erklärt der Vorsitzende der Innung des Berliner Taxigewerbes, Wolfgang Wruck. "Wir zwingen keinen Fahrer, ein Nichtraucher-Taxi zu fahren." Die Zahl der Nichtraucher-Taxis habe in den vergangenen 20 Jahren erheblich zugenommen. Bernd Ploke, Geschäftsführender Vorstand von Funk Taxi Berlin, sagte, "von 2200 angeschlossenen Fahrzeugen sind bei uns etwa 1000 Nichtraucher-Wagen". Anfang der 80er Jahre gab es nur 100 Wagen von etwa 1700, schätzt er. Mittlerweile orientere man sich viel mehr an Kundenwünschen. Andreas Winter vom Konkurrenzunternehmen Taxi Funk Berlin GmbH kann bei sich keinen Trend zum Nichtraucher-Taxi verzeichnen. Von den 2650 Wagen sind nur 873 reine Nichtraucher-Fahrzeuge.

Auch beim Essen wird weiterhin gequalmt: Im Restaurant- und Gaststättengewerbe ist von einem Nichtraucher-Trend keine Rede. Sebastian Riesner von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hält Restaurants mit reinen Nichtraucher-Zonen für seltene Ausnahmen. Allerdings habe seit einiger Zeit das Angebot zugenommen, dass Hotelgäste Nichtraucher-Zimmer auf reinen Nichtraucher-Etagen buchen können.

Flexibilität und Eigeninitiative, darauf baut auch der Verein der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB). Geschäftsführer Friedrich Kästner hält auch bei der neuen Bundestagsinitiative zum Nichtraucherschutz daran fest, dass "die Unternehmen selbst regeln, wie sie es mit dem Rauchen und Nichtrauchen handhaben wollen".

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar