Berlin : Rauchende Colts

Richard A. Clark war Sicherheitsberater dreier US-Präsidenten Wegen des Irak-Kriegs hörte er auf. Nun hat er einen Polit-Thriller geschrieben

Constanze von Bullion

Rein äußerlich sehen sie sich nicht besonders ähnlich: der Terror-Experte aus dem Buch und der aus dem echten Leben. Der aus dem Buch ist ein Geheimdienstmann vom alten Schlag, mit kastanienbraunem Haar und James-Bond-Manieren, der Ganoven jagt, nebenbei eine Frau verführt und von Freunden liebevoll „Rusty“ genannt wird. Der Sicherheitsexperte aus dem echten Leben wirkt eher unauffällig. Die Haare, die Richard A. Clarke noch hat, sind weiß, er sieht fast ein bisschen schüchtern aus und spricht so leise, als müsste er noch immer fürchten, belauscht zu werden.

Richard A. Clarke hat über 30 Jahre lang im Weißen Haus und im Pentagon gearbeitet, er war Sicherheitsberater von Ronald Reagan, Bill Clinton und George W. Bush. Als die Twin Towers in New York eingestürzt waren, leitete der Terrorexperte den Krisenstab des Weißen Hauses – und schmiss wenig später hin, weil er den Angriff auf den Irak nicht mittragen wollte. Jetzt sitzt er hier, zwischen chinesischen Blümchentapeten im Hotel Brandenburger Hof.

Clarke stellt sein neues Buch vor, und weil er einer der schärfsten Kritiker der Bush-Regierung ist, der sich 2004 mit einem Buch über die Lügen rund um den 11. September viele Feinde in Washington gemacht hat, ist die Neugier groß. Wie kommt es, wird er gefragt, dass ein Mann, der mal ganz nah dran war an den Ohren der Mächtigsten, einen Roman schreibt, der wie ein ziemlich überdrehter Action-Film daherkommt?

„The Scorpion’s Gate” heißt der Band, der bei Hoffmann und Campe erschienen ist und in dem es reichlich kracht und raucht. Der Leser wird auf eine atemlose Fahrt mitgenommen, er rast auf Düsenjets über das Rote Meer, fährt auf Flugzeugträgern und taucht in U-Booten ab: erlebt also so ziemlich alles, was kleine Jungs immer erleben wollten.

Die Geschichte selbst spielt im Jahr 2011, die Welt wird von islamischen Fundamentalisten in Atem gehalten. Saudi- Arabien gibt es nicht mehr und radikale Moslems haben das Land mit den reichsten Ölquellen der Welt in Islamija umbenannt. Natürlich gefällt das den Amerikanern nicht, weshalb der wackere Geheimdienstmann Russell „Rusty“ MacIntyre loszieht, eine weltweite Eskalation zu verhindern. Es gelingt ihm das Unmögliche, er schmiedet einen Pakt mit arabischen Widerständlern und Iran, schaltet die Chinesen aus und deckt sogar einen verwerflichen Angriffsplan des skrupellosen US-Außenministers auf.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Verteidigungsministern oder gar ihm selbst seien Zufall, versichert Clarke, der sein Buch nicht als Rachefeldzug gegen die Bush-Regierung versteht, sondern als Warnung vor einer Eskalation der Gewalt. „Der Irak-Krieg ist die größte Motivation für den Terror“, sagt er. „Es wird sehr lange dauern, den Imageschaden für Amerika zu beheben, der da angerichtet wurde.“ Mit Armeen komme man auf dem Schlachtfeld der Ideologien nicht weiter, sagt Clarke, der mal ein Falke war und nun auf zivile Maßnahmen setzt: auf Entwicklungshilfe und partnerschaftlichen Umgang mit arabischen Nationen.

Der Held seines Buches, der gute Rusty, der Freunde gern mit „alter Junge“ anredet, hat es schließlich auch geschafft: Irgendwann steht er seinen gefährlichsten Gegnern gegenüber. Natürlich schießt er nicht. Sondern hält ihnen einen Vortrag. Und schon sind aus Feinden die besten Freunde geworden.

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