Raucherclub : "Da werde ich zum Rebell"

Der "Erste Berliner Raucherclub" tagt im Charlottenburger Musikcafé Dio. Er hat sich die Traditionspflege des Tabakskollegiums von Friedrich Wilhelm I. zur Aufgabe gemacht. Die Vereinstreffen haben aber verdächtige Ähnlichkeit mit einem normalen Kneipenabend.

Barbara Bollwahn
Dio Raucherverein
Bei Dio darf weiter gequalmt werden. Er hat einen Raucherverein gegründet. -Foto: David Heerde

Yin ist der Schatten, Yang die Sonne. Ihr Gegensatz ist relativ, nie absolut. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Das schwarz-weiße chinesische Zeichen prangt am Eingang zu dem Wilmersdorfer Musik-Café „Dio“ in der Schillerstraße, wenige Meter neben der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße. Die fernöstliche Philosophie des fließenden Übergangs soll den Betreiber der Kneipe vor den Disharmonien des Lebens bewahren. Aus Protest gegen das Nichtraucherschutzgesetz hat er zusammen mit Stammgästen und Freunden einen Verein gegründet, den „Erster Berliner Raucherclub e.V.“, kurz EBRC. In der Satzung heißt es: „Der Verein und seine Mitglieder möchten nicht die Gesellschaft ändern, sich aber auch nicht in ihren Grundrechten auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einschränken lassen.“

Am Donnerstagabend fand die erste Tagung des Vereins statt, der sich die preußische Traditionspflege des Tabakskollegiums von „Friedrich Wilhelm I.“ auf die Fahnen geschrieben hat. Weil eine Tagung nichts anderes ist als ein Anlass, um neue Leute kennenzulernen und Kontakte zu pflegen, unterscheidet sich dieser Tagungsabend nicht von einem normalen Kneipenabend. Mehrere Dutzend Gäste trinken, reden, rauchen oder spielen Flipper in der Ein-Raum-Kneipe mit dem riesigen an die Decke gemalten Drachen, den rustikalen Holzgeländern zwischen den Tischen und vielen Masken, Elefantenfiguren und chinesischen Vasen. Am Tresen steht der Chef Tche-Au Chen, genannt Dio, der vor 61 Jahren um die Ecke in der Wielandstraße als Sohn chinesischer Eltern geboren wurde.

In einem schwarz-grau karierten Wollhemd, mit einer roten Ledermütze auf dem Kopf, aus der ein grauer Zopf hervorschaut, und einer randlosen Brille auf der Nase zapft er Bier für seine Gäste, während der DJ den Rockklassiker „When I was young“ spielt. Wer meint, dass der Chef der Kneipe, in der sich der Raucherverein einmal in der Woche trifft, selbst raucht, irrt. Er hat schon 1982 damit aufgehört. Doch seinen Gästen das Rauchen zu verbieten, das will er nicht. Außerdem befürchtet er Umsatzeinbußen. „Man kann mich doch nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen und mir so den Hahn abdrehen“, sagt Dio. Vorerst bleibt bei ihm ohnehin, wie in vielen anderen Kneipen, bis zum Ende der Übergangsfrist erst einmal alles beim Alten.

Wie es ab dem 1. Juli weitergeht, wenn Bußgelder verhängt werden, ist unklar. Die Stammgäste des „Dio“ sind überzeugt, mit dem Verein eine Möglichkeit gefunden zu haben, das Verbot zu umgehen. Obwohl in der Erläuterung des Senats zum Nichtraucherschutzgesetz ein Satz steht, der das unmöglich erscheinen lässt: „Es ist nicht möglich, sich durch die Schaffung eines Vereins, zum Beispiel eines Raucherclubs, dem Gesetz zu entziehen.“ Für juristische Angelegenheiten ist die Zweite Vorsitzende des „ Berliner Raucherclubs“, die 37-jährige Susanne Meschunat zuständig, eine Polizeibeamtin im Vorruhestand. „Die rechtlichen Probleme sind uns durchaus bekannt“, sagt sie und verweist darauf, dass der Verein bereits im März 2007 gegründet wurde. Nun setzt sie auf das Hausrecht und die Vereinssatzung und glaubt, dass „der Gesetzgeber uns im Vereinsrecht nicht weiter einschränkt“. Schließlich gehe es darum, die Existenz des „Dio“ zu sichern. Daran liegt auch der Ersten Vorsitzenden des Vereins, der 54-jährigen Astrid Mathias, einer Frau mit blondem Pferdeschwanz und Perlenohrringen. Sie ist Dios Freundin. „Wir wollen uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun und lassen haben. Da werde ich zum Rebell“, sagt sie und trinkt ihr Glas Wasser aus. Sie verlässt die Tagung nach wenigen Minuten, weil sie krankgeschrieben ist. Sie und ihre Arbeitskollegin und Freundin Birgit Müns-Tornow, ebenfalls Stammgast im „Dio“ und ebenfalls Nichtraucherin wie Astrid Mathias, hatten die Idee der Vereinsgründung. „Dio hat schon genug unter dem Bau der Wilmersdorfer Arcaden gelitten“, sagt die 46-jährige Müns-Tornow, „und mit dem Nichtraucherschutzgesetz geht es bald an die eisernen Reserven.“ Bisher hat der Verein, dessen Jahresgebühr 2,40 Euro beträgt, 32 Mitglieder.

Und diese gehen davon aus, dass sie bei ihren wöchentlichen Vereinstreffen, die sie im „Dio“ abhalten wollen, rauchen dürfen. Zutritt sollen dann nur Vereinsmitglieder haben. Kontrolliert werden soll der Einlass mit einem Türsummer. Nichtmitglieder erhalten Zugang, wenn sie 50 Cent für einen Gastausweis zahlen. Sollte der Laden aus allen Nähten platzen, seien auch zwei Vereinstreffen in der Woche denkbar, sagt die Vereinsvorsitzende. „Mehr aber nicht“, betont sie, „sonst würde man uns nachsagen, wir wollen das Gesetz brechen.“ Im Sommer wird sich zeigen, ob Yin und Yang im Gleichgewicht bleiben. Barbara Bollwahn

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