Rauchverbot : Die Glut der Wut

Raucherclubs, ein Tabakkollegium und Klagen - das Gesetz zum Rauchverbot reizt Gastronomen und Gäste zu vielfältigem Protest. Und derzeit werden in Berlin Unterschriften für gleich zwei Volksbegehren gegen das Gesetz gesammelt.

Barbara Bollwahn
Rauchen P.Berg
Erstmal eine rauchen: In Prenzlauer Berg scheint das Verbot eher Empfehlungscharakter zu haben. -Foto: David Heerde

„Wo der Glaube ans Diesseits zerfällt, kriegt das Jenseits Konjunktur.“ Dieses Zitat, dem Philosophen Karl Marx zugeschrieben, bekommt mit dem gesetzlich festgeschriebenen Schutz von Nichtrauchern und der teilweisen Ignorierung desselben eine ganz neue Bedeutung. Zumindest wenn der Satz in einem Café hängt, das „Jenseits“ heißt, so wie das am Heinrichplatz in Kreuzberg. Dort dürfen die Gäste trotz der Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes genauso rauchen wie zuvor. Und das nicht etwa in einem separaten Raucherzimmer oder einem Zelt mit Heizpilz vor der Tür, sondern im einzigen Gastraum, den es gibt. Die Betreiber des Cafés, darunter eine Anwältin, wie eine Kellnerin sagt, ignorieren das Verbot, solange keine Bußgelder verhängt werden. Und das wird erst ab Juli der Fall sein. „Bis dahin warten wir erst mal ab“, sagt die Bedienung und verweist auf eine Botschaft an der Eingangstür, die den Bogen vom Jenseits ins Diesseits schlagen soll. Dort hängt ein Schild, das erklärt, wie das geht. „Club der Religionsgemeinschaft Friedenspfeife. Wir rauchen für den Frieden. Nichtraucher werden nicht diskriminiert.“

Bei der phantasievollen Umgehung von Vorschriften ist Kreuzberg verlässlich wie eh und jeh. Am traditionsreichen Heinrichplatz, dem zentralen Platz vom alten SO 36, zeigt sich das Für und Wider von Gesundheitsprävention und Grundrecht auf Selbstbestimmung, die Diskussion zwischen Kultur des Verzichts und Freiheit des Genusses deutlich wie unter einer Lupe. Im „Bateau Ivre“ oder der „Taquería Florian“ direkt neben dem „Jenseits“ darf nicht mehr geraucht werden. Beide Lokale sind trotz – oder gerade – wegen fehlender Aschenbecher gut besucht. In der Eckkneipe „Zum Elefanten“ schräg gegenüber, wo Szenen der Verfilmung des Romans „Herr Lehmann“ gedreht wurden, können die Gäste wiederum ungehindert rauchen. Die unübersichtliche Lage führt zu absurden Dialogen, so wie im „Jenseits“ am Tresen. „Es ist ätzend, wenn geraucht wird“, sagt eine blonde junge Frau zu einem Mann neben ihr, der sich gerade eine Zigarette anzündet. Der Mann schaut irritiert von seiner Zeitung auf. Eine Minute zuvor hatte die Frau noch selbst eine Zigarette geraucht. „Ich finde es gut, wenn nicht geraucht wird“, verkündet die Frau und geht.

Das Volk begehrt auf, jeder auf seine Art. Derzeit werden in Berlin Unterschriften für gleich zwei Volksbegehren gegen das Nichtraucherschutzgesetz gesammelt. Da ist zum einen die „Initiative für Genuss“, ins Leben gerufen von Ulrich Kasiske, dem Betreiber des Friedrichshainer Lokals „Kasiske“. Die Initiative befürwortet einerseits den Schutz von Nichtrauchern im öffentlichen Raum. Andererseits will sie eine Änderung des Gesetzes erreichen, damit die Wirte selbst entscheiden können, ob bei ihnen geraucht werden darf oder nicht. In sechs Wochen wurden nach Angaben von Sebastian Meskes vom „Netzwerk Rauchen“, Mitinitiator der Genussinitiative, bisher 6 000 Unterschriften „für die Wahlfreiheit von Wirten und Gästen“ gesammelt. Ein in Kassel ansässiger Verein „Die Macher e.V.“ sammelt in Berlin und sieben weiteren Bundesländern Unterschriften für ein Volksbegehren nicht zur Änderung, sondern zur Abschaffung des Nichtraucherschutzgesetzes. „Eine Änderung würde nur Bürokratie erzeugen und das kostet Geld, das Berlin ohnehin nicht hat“, sagt der Pfeifenraucher Oliver Bienkowski, Vorstand der „Macher“. Nach seinen Angaben sind in Berlin seit der Verabschiedung des Nichtraucherschutzgesetzes im Abgeordnetenhaus im November vergangenen Jahres 14 000 Unterschriften zusammengekommen. „Dann haben wir aufgehört zu zählen“, sagt er und klagt, dass ihm ehrenamtliche Kräfte zum Öffnen der Postsäcke fehlen würden. Sebastian Meskes, der für eine Änderung des Gesetzes kämpft, räumt Bienkowskis Initiative keine Chance ein. „Das ist nicht durchsetzbar“, sagt er. Bienkowski sieht das natürlich anders. „Wir wollen die Bürgerrechte nachhaltig stärken und kämpfen für niedrigere Hürden für Volksbegehren.“

Für Kopfschütteln bis zu Existenzängsten sorgt das Nichtraucherschutzgesetz bei Gastronomen, die ihr Geld mit Wasserpfeifen verdienen. Marion Reich betreibt seit 2004 in der Boxhagener Straße in Friedrichshain das Geschäft „Fata Morgana“, einen Groß- und Einzelhandel für Shishas und Zubehör. Reich kam durch ihre Ehe mit einem Ägypter zum Rauchen von Wasserpfeifen. „Ich finde es sehr gut, dass in Restaurants keine Zigaretten mehr geraucht werden dürfen“, sagt die Frau mit den schwarz gefärbten Haaren. „Aber in der Freizeit will ich in einem Shisha-Café rauchen. Vorne, hinten, am Fenster, überall. Eine Shisha-Bar ist eine Shisha-Bar. Ein Verbot ist absurd.“ Wenige hundert Meter weiter befindet sich in der Kopernikusstraße die „Orient Lounge“, wo die Gäste genüsslich an ihren Wasserpfeifen ziehen. Der etwa 50 Quadratmeter große Raum mit den Ziegelsteinwänden ist zu klein, um ihn in einen Raucher- und Nichtraucherbereich zu trennen. „Eine orientalische Shisha-Bar ohne Shishas ist für den Arsch“, sagt Thomas Jaeger, ein 27-jähriger Geograf, der seinem Schwager im Service hilft. Also bleibt alles erst mal beim Alten. Die Frage ist nur, wie lange.

Jaeger weiß nicht, ob ihn die Einladung für eine Veranstaltung eines Anwaltes, der verunsicherten Gastronomen Abhilfe verspricht, weiter bringt. Anwalt Dirk Streifler bietet sich als Robin Hood entrechteter Wirte an. „Wozu gäbe es Verbote, wenn man sie nicht umgehen könnte?“, heißt es in der Einladung für kommenden Mittwoch im „The Media Centre“ in der Johannisstraße in Mitte. Der Jurist will ein von ihm erstelltes Gutachten präsentieren, das die Gesetzeslücken aufzeigt. Bei hohen Verlusten durch das Rauchverbot, so seine Argumentation, könnten die Wirte von ihrem Eigentumsrecht Gebrauch machen. Dieses werde beeinträchtigt, wenn der Schutz der Nichtraucher so weit gehe, dass die Gastwirtschaft gefährdet sei. Eine Kennzeichnung als Raucherkneipe am Hauseingang sei ein Ausweg. „Streiflers Kompendium könnte ein Rettungsanker vor allem für Eckkneipen, die vom Rauchverbot am härtesten betroffen sind, sein“, heißt es vollmundig in der Einladung. Umsonst ist dieser Rettungsanker natürlich nicht. Die Teilnahmegebühr beträgt 69 Euro.

Andere Wirte setzen auf Raucherclubs. So wie der Betreiber von „Dio’s Musik-Café“ in der Schillerstraße in Charlottenburg. Zusammen mit acht Gleichgesinnten hat er bereits im März vergangenen Jahres den „Ersten Berliner Raucherclub e.V.“, kurz EBRC, gegründet. Ob das jedoch wirklich funktioniert, steht in den Sternen. Nach dem Nichtraucherschutzgesetz fallen auch Vereinsräume unter das Rauchverbot. Der EBRC beruft sich auf die preußische Traditionspflege und den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der das Tabakskollegium einführte. Das ist eine Zusammenkunft von Menschen, die über das Tagesgeschehen diskutierten in der Überzeugung, „dass der Gebrauch des Tabaks gegen alle böse Luft gut“ sei. Die für Donnerstagabend geplante Vereinssitzung musste ausfallen. Der Chef war kurzfristig krank geworden. Bei einer Auflösung des Vereins, so steht es im letzten Absatz der Satzung, soll das Vermögen der „Deutschen Krebshilfe“ zugute kommen.

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