Rauchverbot : Jetzt kommen die Qualm-Kontrolleure

Ab Dienstag wird es eng für Raucher in Berlins Kneipen, Bars und Diskos: Dann tritt die zweite Stufe des Nichtrauchergesetztes in Kraft. Doch auch ohne Kontrollen hat sich vieles verbessert. Kellner freuen sich, nicht mehr "stundenlang im Rauch arbeiten" zu müssen.

Liva Haensel,Christoph Stollowsky
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Blick in das Restaurant Ma an der Berliner Behrenstrasse des Sternekochs Tim Raue. Er verzichtet schon seit Jahren auf Gäste, die...Foto: Kai-Uwe Heinrich tsp

Jetzt wird es ernst. Ab Dienstag müssen Qualmer in Kneipen, Bars, Diskos oder Restaurants nun Kontrolleure und Bußgelder fürchten wie beim Schwarzfahren oder Parken ohne Parkschein. Vom 1. Juli an tritt Berlins Nichtraucherschutzgesetz mit aller Konsequenz in Kraft. Das gesetzliche Rauchverbot in der Gastronomie gilt zwar schon seit 1. Januar, doch bislang beschränkten sich die Behörden auf Ermahnungen. Nun ist die halbjährige Übergangszeit, die der Senat den Rauchern gewährte, abgelaufen – die Bezirke können Streifen losschicken und Bußgelder verhängen, falls noch Kippen glimmen. Werden Berlins Lokale erst jetzt richtig rauchfrei? Oder hat sich der Qualm schon längst gelichtet? Und wie funktioniert das Rauchverbot in den Bezirks- und Senatsverwaltungen? Schließlich gilt der Nichtraucherschutz auch für öffentliche Gebäude. Der Tagesspiegel zieht eine Bilanz.
 

„Das ist doch einfach cool“, freut sich eine junge Kellnerin in der „Roten Harfe“ dem Szenetreff am Heinrichplatz in Kreuzberg. „Endlich kein Passivrauchen mehr.“ Das Arbeiten sei viel angenehmer, seit sie nicht mehr stundenlang dem Rauch ausgesetzt ist. Michael Kühnlein, Chef der „Billy Wilders“-Bar im Sony-Center macht die gleichen Erfahrungen. „Unsere Mitarbeiter sind froh. Es ist toll, dass die Klamotten nicht mehr jeden Abend nach Rauch stinken.“ Und Dieter Funk von der Joseph-Roth-Diele in der Potsdamer Straße ergänzt: „Auch Kellner, die selber rauchen, genießen die bessere Luft am Arbeitsplatz.“

Hört man sich in der Gastronomie um, gibt es inzwischen viele positive Kommentare von Servicekräften, deren Lokale sich seit Jahresbeginn konsequent ans Gesetz halten. Der Streit um die dunstfreie Gastronomie wird zwar lautstark geführt, doch zugleich ist das Rauchverbot bereits ein Stück Normalität geworden.
 

Im „Billy Wilders“ fürchtete man anfangs Probleme mit den Rauchern unter den Gästen. „Aber es gibt keinen Aufstand“, freut sich der Barmann, „obwohl die Leute mit ihrem Zigarettchen nach draußen müssen.“ Allenfalls ältere eingefleischte Raucher würden die Miene verziehen, während jüngere Leute das Verbot so selbstverständlich akzeptieren wie Verkehrsregeln. Auch in der „Kleinen Nachtrevue“ an der Kurfürstenstraße in Schöneberg hat sich bislang kein Besucher beschwert. „Unsere Raucher sind entspannt“, sagt die Chefin der Kabarett-Bar, Sylvia Schmid. Zugleich beobachtet sie, „dass Nichtraucher jetzt selbstbewußter auftreten – und aufatmen.“

Diese Erleichterung beschert der Wiener Conditorei am Roseneck mehr jüngere Besucher. „Jetzt kommen Eltern mit ihren Kindern viel lieber zu uns“, sagt Inhaberin Petra Otte. Ähnliche Erfahrungen macht das Café Einstein in Mitte und Schöneberg. „Manche Gäste sind richtig glücklich, nicht mehr im Dunst zu sitzen“, erzählt ein Kellner. Das bestätigt auch der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Berlin. Die Erfahrungen mit dem Gesetz seien allerdings „je nach Art des Lokals sehr unterschiedlich“, sagt Dehoga-Vizechef Klaus-Dieter Richter. „80 Prozent der Restaurants und gut die Hälfte der Bars und Klubs kommen mit dem Verbot klar“ - aber fast alle Bierkneipen hätten Umsatzverluste. Kippe und Molle gehören dort zusammen. Deshalb wird in den meisten Kneipen weiter gequalmt, während die Inhaber hoffnungsvoll zum Bundesverfassungsgericht blicken.

Wie berichtet, haben Wirte in Karlsruhe Klagen eingereicht, um das Qualmverbot zumindest für Einraum-Kneipen zu kippen. Andernfalls wären diese im Wettbewerb benachteiligt, weil sie keine separaten Raucherräume einrichten können, die das Gesetz als Ausnahme erlaubt. Das Urteil wird im Juli erwartet. Der Branchenverband hat schon eine Lösung parat. „Man sollte den Minikneipen die Wahl lassen, ob sie sich als Raucher- oder Nichtraucherlokal ausgeben.“
 

Greifen Raucher seltener zur Schachtel, seit sie vor die Tür müssen? „Das trifft zu, es wird viel weniger geraucht“, sagt Ulrike Balzer vom Ballhaus „Walzerlinksgestrickt“ am Tempelhofer Berg in Kreuzberg. Früher animierten sich Gäste an der Bar gegenseitig zum Rauchen, das falle jetzt weg. Dafür hat Ulrike Balzer wie viele Clubbetreiber und Tanzschulen ein neues Problem. Wer draußen qualmt, unterhält sich meist laut. Das stört die Nachbarn. Bei Walzerlinksgestrickt baute man deshalb eine abgetrennte Raucherlounge mit Abluftanlage ein. 

Das gibt es in Berlin bisher selten. „Die meisten Wirte zögern, so viel zu investieren“, heißt es beim Hotel- und Gaststättenverband.

Auch in öffentlichen Verwaltungsgebäuden ist Rauchen seit dem 1. Januar untersagt. Zuvor gab es Raucherräume, nun müssen alle ins Freie gehen. Im Spandauer Rathaus hat man dafür einen geschützten Innenhof reserviert, andere Behörden bauten Unterstände. Fast überall scheint aber der Auszug der Raucher protestlos zu klappen. „Wir achten allerdings drauf, dass die Mitarbeiter nicht vor den Haupteingängen herumstehen“, sagt Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) von Steglitz-Zehlendorf. „Das würde einen schlechten Eindruck hinterlassen.“

Zugleich bieten viele Behörden in Kooperation mit der Fachstelle für Suchtprävention und dem Institut für Tabakentwöhnung von Vivantes verstärkt Raucherentwöhnungskurse an. Der Ansturm ist noch ausgeblieben, aber es wächst das Interesse. Bis 2007 zählte man bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) jährlich etwa zwölf Teilnehmer, 2008 waren es schon zwanzig. „Die Hälfte kommt dauerhaft von der Kippe weg“, so die BSR-Bilanz.
 

„Das Rauchverbot liegt klar im Trend“, sagt die Drogenbeauftragte des Senats, Christine Köhler-Azara und diagnostiziert einen Mentalitätswechsel – besonders bei jungen Leuten. Dabei verweist sie auf die neueste Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD), die im Frühjahr 2008 durchgeführt wurde. 31,7 Prozent der Berliner Jugendlichen rauchen danach täglich, vor fünf Jahren waren es 44,8 Prozent.

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