Berlin : Raue Sitten im Nahverkehr

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Von Katja Füchsel

Vermutlich fand er es komisch. Mit voller Wucht gegen die Flasche zu treten, gerade als der 18-Jährige im S-Bahnabteil daraus trinken wollte. Die Attacke kostete den Jungen vier Zähne. Auf dem Bahnhof ging die Prügelei weiter. Als die sich rangelnden Kontrahenten ins Gleisbett fielen, soll der 28-Jährige den Jüngeren in Richtung Stromschiene gezerrt haben. Ein S-Bahn-Mitarbeiter schaffte es gerade noch rechtzeitig, den Strom abzustellen. Tatort: Landsberger Allee, in der Nacht zu Sonnabend. „Die Sitten werden rauer“, heißt es in der Leitzentrale der BVG. Einerseits ist die Zahl der Übergriffe gestiegen, andererseits schlagen die Täter in jüngster Zeit immer härter zu.

Tatsächlich scheinen sich gerade in den vergangenen Monaten die gewalttätigen Übergriffe in Bussen und Bahnen zu häufen. Schlagzeilen schrieben erst vor zehn Tagen zwei 16 und 23 Jahre alte Angreifer, die in einer Straßenbahn auf der Prenzlauer Allee einen 42-jährigen Mann schwer verletzten. Die beiden Täter hatten in der Tram auf einen Fahrgast eingeschlagen. Als der 42-jährige Drucker die Schläger bat, aufzuhören, griffen sie ihn unvermittelt an und traten ihm mit den Schuhen ins Gesicht. Als ihr Opfer bewusstlos zu Boden ging, traktierten sie es weiter mit Fußtritten. Der Mann kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Ebenfalls in der Straßenbahn schlug der 18-jährige Ronny R. zu, der sich seit Freitag vor einem Jugendgericht verantworten muss. Er war mit einer Gruppe Rechtsradikaler in Hellersdorf auf eine libanesische Familie losgegangen. Die Neonazis beschimpften die Frauen, schlugen und bespuckten sie – am hellichten Tag, unter den Augen von Dutzenden Fahrgästen, die untätig blieben.

Ein weiteres Beispiel: Anfang Juni wurden zwei junge Männer, ein 17-jähriger Deutscher und ein 17-jähriger Iraner, bei einem Übergriff in einem Bus in Zehlendorf verletzt. Die Jugendlichen waren nachts ohne erkennbaren Anlass von mehreren Männern mit kurz geschorenen Haaren und Bomberjacken angegriffen worden.

Nach Angaben der BVG-Leitzentrale gehören nächtliche Übergriffe in den Bussen inzwischen fast zum täglichen Geschäft. Busfahrer, die versuchen, die zumeist jungen Störenfriede zur Ordnung zu rufen, werden beschimpft, geschlagen oder mit Bierflaschen beworfen. „In den Zeitungen steht das nur, wenn der Fahrer schwer verletzt wird“, heißt es in der Zentrale. Wie beispielsweise im vergangenen Jahr, als zwei BVG-Kontrolleure von einem Schwarzfahrer mit einem Messer attackiert wurden. Der Täter stach ihnen in Hals und Niere. Und jetzt wird auch noch geschossen. Seit einigen Wochen toben sich einer oder mehrere Täter an den Bussen der BVG aus. Dutzende Heck- und Seitenscheiben hat es bereits erwischt. Die Schützen sind flüchtig und auch die Waffen konnten bislang nicht identifiziert werden. Menschen wurden bislang nicht verletzt.

Da hatte der 18-jährige Fahrgast an der Landsberger Allee weniger Glück. Der Polizei gelang es schließlich, die Kontrahenten zu trennen. Der 28-Jährige wurde festgenommen. Gegen ihn wird jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

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