Berlin : Raumfahrer-Treff: Die Mir fällt vom Himmel

Christian Domnitz

"Die Epoche der Weltraumraketen" heißt der Bildband, den Tiedt Bernhard am Dienstag zur Tagung "Raumfahrt zum Nutzen der Menschheit" im Russischen Haus in der Friedrichstraße mitgenommen hat. Auf den Umschlagseiten sind rund zwanzig Farbporträts von Kosmonauten zu sehen: Bernhard will heute ihre Autogramme haben.

Kosmonauten, Wissenschaftler und etwa hundert, meist ältere Weltraum-Fans sind gekommen, um sich zusammen an die besten Zeiten der russischen Raumfahrt zu erinnern: Am 21. April wird es 40 Jahre her sein, dass Jurij Gagarin als erster Mensch ins Weltall flog. Doch überschattet wird das Treffen vom baldigen Ende der Raumstation Mir: Nach einigen Runden um die Erde - die Bahn führt auch über Berlin - soll sie am Freitagmorgen in den Stillen Ozean stürzen.

"Es bleibt zu hoffen, dass sie wirklich kontrolliert auf die Erde stürzt", sagt Stargast Sigmund Jähn, der erste Kosmonaut der DDR. Die Mir sei alt, ihre Zeit abgelaufen. Mit der internationalen ISS gebe es eine neue Raumstation, und "als Objekt des Nationalstolzes sind Raumstationen viel zu teuer." Auch Sergej Zaletin und Alexandr Kalerij aus der letzten Crew der "Mir" sitzen im Tagungssaal. "Dass die Mir jetzt wegkommt, bedaure ich nicht", sagt Kalerij, "aber eine Mir 2 wäre eine tolle Sache." Der Mir-Flugingenieur war der Mann, der am 15. Juni 2000 die wissenschaftlichen Anlagen ausknipste, den Autopiloten anschaltete und mit der "Sojus"-Kapsel zurück zur Erde flog.

Walerij Bykowskij, der zusammen mit Jähn ins All startete, hat heute seine Orden angesteckt: Er ist zweifacher "Held der Sowjetunion". Er steht auf, nimmt eines der Tischmikrofone mitsamt Ständer in die Hand und sagt, dass er seinen Redetext in Moskau vergessen habe. Aus dem Stegreif spricht er ein halbe Stunde lang über Gagarin, den "Träumer und strengen Ausbilder".

Nach der Tagung werden sich Bykowskij, Kalerij und die anderen russischen Gäste das Brandenburger Tor und das Schloss Charlottenburg anschauen: Russland unterhalte in Berlin sein größtes Kulturzentrum, sagt sein Leiter Petr Kudinov. Deshalb lade er jedes Jahr die Weltraumforscher aus Moskau ein.

Im Foyer des Russischen Hauses steht ein Büchertisch: Gagarins Gesicht ist auf einem Kalender zu sehen, den das "Sternenstädtchen", das Weltraum-Forschungszentrum bei Moskau, drucken ließ. Nebenan bietet eine Verkäuferin russische Automatik-Uhren an: Mit Gagarins Kopf und der Mir auf dem Ziffernblatt.

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