Berlin : Raus aus dem Kellerloch, rein in die Glamourwelt

Christine-Felice Röhrs

Nils Heiliger in seinem Club zu besuchen, ist völlig sinnlos. Hier lernt man nicht ihn selber kennen, eher sein eigenes Gastgeber-Ich. Im 90 Grad an der Schöneberger Dennewitzstraße ist der Nils in Wochenendnächten zu treffen: höflich smalltalkend, ansonsten unauffällig. Keine Frau auf dem Schoß, kein Koks in der Nase, keine fette Geldklammer am Hintern. Jungenhaft ist sein Gesicht, jungsblau die Augen, jungsblond der Schopf. So ein Clubbesitzer zerstört jedes Klischee.

Zweiter Versuch: Treffen mit Nils Heiliger in seinem Büro an der Chausseestraße in Mitte. Glatt-sanierter New-Economy-Hinterhof, zweiter Stock. Dies ist der Ort, an dem der 29-Jährige von Montag bis Freitag an der Marke 90 Grad arbeitet, der Ort, an dem Heiliger sein kann wie er ist - nämlich ein strebsamer, junger Wirtschaftsmensch. "Ich zeig euch mal was", sagt er und klappt den Laptop auf, das Neueste vom Neuen, und klickt: Ein Foto erscheint. Kanzler Schröder im 90 Grad, Arm in Arm mit Nils Heiliger. "Dass der Kanzler da war, darauf bin ich echt stolz", sagt Heiliger.

Seit knapp zwei Jahren betreibt Nils Heiliger das 90 Grad. Bezahlt hat er für den Club nichts, nur die Schulden übernommen. Der Laden - im Dezember 1989 eröffnet - war total heruntergewirtschaftet. Nils Heiliger war zu diesem Zeitpunkt ein behüteter Junge aus Blankenese mit einigem Erfolg als Party-Veranstalter, einem nicht beendeten Studium der Elektrotechnik und einer Menge Ehrgeiz. Es war die Chance, etwas aufzubauen anstatt sich weiter mit Büchern zu beschäftigen - Heiliger ist eben Praktiker.

Heute vergnügt sich im 90 Grad Berlins Jeunesse Dorée und die internationale Schickeria: Bruce Willis hat hier schon aufgelegt, Goldie Hawn geflirtet, Nick Nolte gesoffen, Denzel Washington getanzt, Sean Penn gestrippt. Vor Publikum. Und vor Reportern von Gala und Bunte. Das Taktieren mit Groupietum und Starkult ist Heiligers Erfolgsrezept, auch wenn er selbst das mit "Kommunikation im Club" beschreibt: Man schmeiße die teuren DJs raus, schaffe eine eine VIP-Lounge, lade dann Stars, meist Sternchen, ein und lasse die Normalo-Gäste über sie klatschen. "Ich kann Leute zusammenbringen", meint Nils. Was ein wenig mit anderen Aussprüchen kollidiert. Wie: "Der Club funktioniert wie eine Sinuskurve. Wenn die Zahlen runtergehen, powern wir mit Events." Irgendwie scheint dieser Junge besser im Zahlen-Zusammenzählen, als im Menschen-Zusammenbringen. Oder?

"Für mich ist der Beruf eher untypisch", gibt Heiliger zu. "Der herzliche Wirtstyp bin ich nicht." Den habe er sich eingekauft mit Partner Frank Schulze-Hagenest, der im Pony auf Sylt gearbeitet und jetzt das Promi-Entertainment übernommen hat. "Ich rauche nicht, trinke nicht, und ich kann auch nicht immer lockere Sprüche bringen", meint Heiliger. "Dafür habe ich Visionen."

Seine sieht so aus: Berlin ist der ökoähnlichen Partyszene überdrüssig. "Es geht jetzt weg vom Feiern in Kellerlöchern hin zu mehr Glamour." Im 90 Grad setzt er Maßstäbe, das ist unumstritten. Es gibt Gäste, die hier mehr als 70 000 Mark an einem Abend ausgeben. Das "Reich-und-Schön"-Image des 90 Grad bedient Heiliger so systematisch. Auch, wenn er sich privat mit Gucci tragenden Blondinen und Zigarre rauchenden Berufs-Söhnen nicht umgeben würde: Mann, finde ich euch zum Kotzen, denke er manchmal. Protzerei kann der Hanseat nicht leiden. Auch Freundin Antje, eine Apothekerin, ist keins der 90 Grad heißen Glitzergirls. Nachdrücklich sagt Heiliger: "Ich bin keiner, der seine Macht als Platzhirsch ausnutzt."

Aber an sich, doch, habe er schon Macht. Gäste, die ihm nicht gefallen, dürfen nicht rein. . Nö, ums Outfit gehe es nicht, nur um "dieses Funkeln in den Augen", sagt der Chef ungeachtet der Tatsache, dass seine Gäste alle Moden mitmachen. Dann erzählt Heiliger von den Bestechungsversuchen abgewiesener Gäste. Natürlich ohne Erfolg bei den Türstehern. Früher hat Heiliger sie ja mal Selekteure genannt. Aber dann kamen Proteste, wegen Vergangenheit und so. "Ich habe mich damit ja nicht so auseinandergesetzt, aber wenn die Leute das nicht wollen ..." Verletzen will Heiliger niemanden. Nun gibt es Gäste-Relationship-Manager.

Mit dem 90 Grad, das weiß Nils Heiliger, ist er an der Grenze des Ausbaufähigen. Der olle Schuppen an der namensstiftenden 90-Grad-Kurve ist zu klein geworden, liegt weitab der Szenebezirke. Aber Heiliger wäre nicht Heiliger, hätte er konkrete Pläne nicht schon seinem Laptop anvertraut: Bis 2003 soll der Umzug kommen. "Vielleicht in ein altes Theater, das wäre toll." Außerdem will er mit Events - zum Beispiel Partys zusammen mit Nobelfirmen - die Marke 90 Grad bundesweit und international bekannt machen. Fernziel: In zehn Jahren finanziell unabhängig sein. "Und dann habe ich mit dem Clubgeschäft nichts mehr zu tun", sagt Nils Heiliger. Es klingt erleichtert.

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