Berlin : Raus aus den Hinterhöfen

Berliner Muslime beteten in ehemaligen Fabriketagen, Supermärkten, Garagen. Das ändert sich jetzt: Wer kann, baut repräsentative Moscheen

Claudia Keller

Berlins Muslime wollen nicht länger in Hinterhöfen beten. Bislang gibt es aber nur zwei repräsentative Moscheebauten in der Stadt: die große Sehitlik-Moschee am Columbiadamm und ein kleineres Gebäude mit Minarett und Kuppel in Wilmersdorf. Die meisten der 76 Moscheen befinden sich in ehemaligen Fabrik- und Büroetagen, in Supermärkten und Garagen. „Im Prinzip wollen alle Moscheevereine bauen“, sagt Riem Spielhaus, „aber nur wenige haben das Geld dafür.“ Für eine Studie über das muslimische Gemeindeleben in Berlin hat die Islamwissenschaftlerin mit ihrer Kollegin Alexa Färber gerade alle 76 Moscheen in Berlin besucht und nach ihren Zukunftsplänen befragt.

Vier Moscheegemeinden haben Geld und fertige Baupläne. Zwei von ihnen sind dabei, die Pläne umzusetzen: in der Wiener Straße und in der Falckensteinstraße in Kreuzberg. Zwei weitere Vereine haben Grundstücke gekauft und warten auf Baugenehmigungen für Gebäude in Heinersdorf und in Neukölln.

Andere erweitern bestehende Gebäude oder suchen Grundstücke. Dabei fällt auf, dass die Islamische Föderation Berlin am aktivsten ist. Für den Neubau in der Falckensteinstraße ist die Baugrube ausgehoben, zwei weitere Gebäude sollen ausgebaut werden, und für drei neue Moscheen werden Grundstücke gesucht – auch in den Außenbezirken Rudow und Mariendorf.

Für die Vorhaben hat die Föderation einen eigenen Bauverein gegründet, der die Organisation abwickelt und die Spendengelder verwaltet. Vorbild ist ein in muslimischen Ländern übliches Stiftungsmodell für Bauvorhaben: Nicht die Moscheegemeinde direkt, sondern die Stiftung erhält zweckgebundene Spenden. Dadurch wird sichergestellt, dass das Geld nicht für einen anderen Zweck gebraucht wird und dass die religiöse Ausrichtung der neuen Moschee nicht verändert werden kann.

Dass die Vereine bauen wollen, sei ein Zeichen dafür, dass die Menschen endgültig hierbleiben wollten und sich heimisch fühlten, sagt Riem Spielhaus. Es sei auch ein Zeichen für das gestiegene Selbstbewusstsein der schätzungsweise 210 000 Berliner Muslime. Viele Gemeinden haben sich in den vergangenen Jahren zur nichtmuslimischen Außenwelt geöffnet, besonders seitdem der Druck nach dem 11. September 2001 auf die Muslime, sich zu erklären, zugenommen hat. Etliche arbeiten heute mit den Kirchen in der Nachbarschaft und mit staatlichen Organisationen wie den Quartiersmanagern zusammen. Umso peinlicher sei es, klagen viele, wenn sie Besucher in hässliche Hinterhöfe einladen müssten.

Außerdem sind Moscheen nicht nur Stätten zum Beten, sondern soziale Treffpunkte und zunehmend auch Bildungseinrichtungen, wodurch bisher genutzte Räume zu klein werden. Wer kein Geld zum Bauen hat, versucht zumindest, die gemieteten Räume zu kaufen – aus Angst, der Mietvertrag wird nicht verlängert. 21 der 76 Gemeinden hätten dies bereits getan, sagt Spielhaus. Die Suche nach Grundstücken sei noch nie einfach gewesen. Seit dem 11. September, seitdem Moscheen oft mit Bombenbauern gleichgesetzt würden, sei es noch schwieriger geworden.

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