Berlin : Raus aus der Pinkelstadt

Schlosspark-Theater-Chef Andreas Gergen macht weiter – aber nicht am Steglitzer Tradititionshaus

Heidemarie Mazuhn

Mit lustig ist zwar Schluss am Schlosspark-Theater. Doch mit dem Ende der „Non(n)sens“-Produktion geht die Arbeit für Andreas Gergen weiter. Allerdings nicht als Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter der Bühne in der Schloßstraße 48, sondern als Projektmanager beim Musicalkonzern Stage Entertainment, der früheren Stage Holding. Mit dem Theater geht es also für ihn weiter, sagt der quirlige junge Mann, der immer ein wenig aussieht, als fehle ihm eine Mütze Schlaf. Fehlte dem gebürtigen Saarländer wohl oft auch, denn es war ein künstlerischer Kraftakt der besonderen Art, quasi alle drei Monate eine neue Produktion auf die Bühne zu stemmen.

Dabei war gleich Gergens erster Einsatz in Steglitz ein Riesenerfolg. „Pinkelstadt – Das Musical“ hieß am 7. Oktober 2004 die gefeierte Europapremiere, mit der Andreas Gergen mit seiner Toys Theater GmbH und der Stage Holding als Partner das Schlosspark-Theater wiedereröffnete.

Wegen Kürzung der öffentlichen Zuschüsse hatte das Traditionshaus 2002 schließen müssen. Boleslaw Barlog hatte darin ab 1945 Berliner Theatergeschichte geschrieben, mit Ensemblemitgliedern wie Hildegard Knef, Klaus Kinski und Martin Held und deutschsprachigen Erstaufführungen wie Samuel Becketts „Warten auf Godot“.

Im Jahr 1950 erhielt die Spielstätte dann den Rang eines Staatstheaters, das bis zur Schließung der Staatlichen Schauspielbühnen 1993 dem Schiller-Theater als so genanntes Kleines Haus diente.

Für die Bühne, die fortan als Privattheater mit staatlichen Zuschüssen betrieben wurde, kam 2002 das Aus. Im Jahr darauf schrieb der Senat die Leitung des Schlosspark-Theaters neu aus – das Konzept der Toys Musicalproduktion bekam den Zuschlag. Zu sechs Premieren lud Andreas Gergen seit Oktober 2004 in die Schlossstraße ein – rund 125 000 Zuschauer freuten sich dort außer über „Pinkelstadt“ auch über Neuauflagen klassischer Stoffe „Wie einst im Mai“ und „Die Drei von der Tankstelle“, auch über das Familienmusical „Eine Woche voller Samstage“ und Rolf Hochhuths Mozart-Krimi „Nachtmusik“.

„Non(n)sens“ hieß dann Gergens vorläufig letzter Paukenschlag aus Steglitz. Als so genannter Artistic Project Manager steht er bei der Stage Holding weiter unter Vertrag. Sozusagen im größeren Stil will der Konzern künftig die künstlerische und theatralische Fantasie des 32-Jährigen nutzen. Schließlich müssen Produktionen über die Bühne gebracht werden, mit denen große Häuser zu füllen sind. Sein Rüstzeug hat er sich dafür an der Berliner Hochschule der Künste geholt, an der sein Studium als Musicaldarsteller mit Auszeichnung abschloss. Außerdem war er in zahlreichen Theater- und Musicalproduktionen seit 2001 auch im Fernsehen als Serien-Schauspieler präsent – als Sohn Stefan der komödiantischen „Familie Heinz Becker“.

Und wie geht’s weiter in Steglitz? Zumindest ist vorerst keine hauseigene Inszenierung in Sicht. Kleine Produktionen für kleine Häuser wie das Schlosspark- Theater sind nicht die Intention der Stage Entertainment, die mit Jan-Pelgrom de Haas seit einem halben Jahr einen neuen Geschäftsführer hat. Das Schlossparktheater soll mit Gastspielen gefüllt werden – 150 Vorstellungen jährlich müssen die Betreiber dort laut Vertrag bis 2009 anbieten.

Dabei seien auch hauseigene Musicalproduktionen nicht ausgeschlossen, sagte Andreas Gergen, nur wie bisher unentwegt klassische Stoffe und Operetten neu aufzulegen, damit sei vorerst Schluss in Steglitz. Dass das Schlosspark-Theater keine Goldgrube ist, habe dabei die Stage Entertainment von Anfang an gewusst. Das sei nicht der Grund für die jetzige Entscheidung, dort vorerst nicht mehr zu produzieren.

Er selbst, so Gergen, könne sich auch nicht vorstellen, die nächsten drei Jahre „Feuerzangenbowle“ und Co. zu inszenieren. Off-Broadway-Renner wie „Avenue Q“ möchte er stattdessen nach Deutschland bringen – das sei so was wie die „Sesamstraße“ für Erwachsene und laufe drüben „wie doll“. In Steglitz kann sich das der junge Mann mit Verlaub nicht vorstellen, obwohl er dem Bezirk, in dem er seit zwei Jahren lebt, nicht auf die Füße treten möchte. Inhaltlich sei der Spielort aber nun einmal sehr begrenzt, sagt der 32-Jährige.

Wie es aussieht, ist das traditionsreiche Steglitzer Theaterchen da zwar weiterhin offen, seine Zukunft aber auch. Anders die von Andreas Gergen. „Die „Zauberflöte“ ist am ersten Weihnachtsfeiertag seine nächste Premiere – wer sie sich nicht entgehen lassen möchte, der muss allerdings einmal quer durchs Land reisen – nach Saarbrücken.

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