Berlin : Raus in die Kälte!

Das halbe Jahr über träumen die Berliner vom Sommer – und heizen ihre Wohnungen auf karibische Temperaturen. Aber es hat keinen Sinn, den Winter einfach nur irgendwie zu überstehen. Zeit für ein Training.

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Foto: privat
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Berlin ist nicht Haiti. Das hat Klaus Wowereit gesagt, als er im vergangenen Winter gefragt wurde, ob das Technische Hilfswerk nicht das Glatteis auf den Straßen entfernen könnte. Zugegeben, ein geschmackloser Vergleich. Aber er enthält ein Stück Wahrheit: So schlimm ist der Berliner Winter nun wirklich nicht – zumindest für alle, die nicht auf der Straße leben. Dennoch liest und hört man in diesen Tagen die absurdesten Kältemetaphern: „Sibirische Temperaturen!“, „Berlin friert ein!“ und „Ende der Eiszeit nicht in Sicht!“ Dem Wowereit-Zitat will ich deshalb hinzufügen: Berlin ist auch nicht Sibirien! Dort muss im Winter der Wodka vom Balkon geholt werden, 45-Prozentiges friert bei minus 30 Grad. Wir müssen gerade mal das Bier hereinholen, das bei minus drei Grad friert.

Genug also der jeden November wiederkehrende Furcht vor den nächsten fünf Monaten. Es macht keinen Sinn, die Hälfte des Jahres vom Sommer zu träumen und den Winter nur irgendwie überstehen zu wollen. Damit das funktioniert, muss man kein Optimist sein. Man kann seinen Körper tatsächlich gegen die Kälte trainieren. Das Programm: Raus in die Minusgrade und Klamotten runter, sobald man in einen warmen Raum kommt!

Ich will nichts verharmlosen. Die Berliner Kälte erlebe ich jeden Tag, alle Wege lege ich mit dem Rad zurück. Nach einer halben Stunde ist mein Oberkörper zwar warm. Aber den Fingern – obwohl in Handschuhe gepackt – fehlt jede Feinmotorik. Das Fahrradschloss anzulegen, wird zum Akt größter Willensstärke. Die Hände sind taub und schmerzen, als würden sie gleich absterben. Noch schlimmer fühlen sich die Wangen an.

Dazu der Kältecoach: Niedrige Temperaturen lähmen die Nerven, nur die Kälterezeptoren funktionieren weiter. Ein absolut notwendiger Schutzmechanismus:Wenn es draußen minus zehn Grad hat, wird die ungeschützte Haut schon nach einer halben Stunde für immer geschädigt. Mit feuchtigkeitshaltiger Creme im Gesicht noch schneller: Wasser friert schließlich schon bei null Grad.

Wer in Westend oder am Kaiserdamm wohnt, hat in der vergangenen Woche eine leise Ahnung davon bekommen, wie sich der Frühling in Sibirien anfühlt. Wie erbarmungslos die Natur sein kann, wenn der gewohnte Komfort wegfällt. In rund tausend Wohnungen fiel für einige Stunden die Heizung aus. Für kurze Zeit wurden dort alle ihrer Luxushöhle beraubt.

Wir anderen aber sind weiter ahnungslos, wir kennen nur Winter light. Selbst wenn es draußen minus 20 Grad hat – die Stadt ist niemals so warm wie jetzt. Wir tauschen das 23 Grad warme Schlafzimmer mit der 24 Grad heißen U-Bahn, flüchten von dort ins auf 25 Grad geheizte Büro und verlassen es fürs 23 Grad kuschelige Wohnzimmer. Auch in Kaufhäusern, Cafés und sogar Turnhallen ist die Luft so heiß wie an den wenigsten Sommertagen. Nach ein paar Minuten S-Bahn freuen wir uns doch schon auf die Kälte draußen. Denn immer wissen wir, dass die Minusgrade schnell ein Ende haben werden. Nach fünf Minuten öffnet sich immer irgendeine rettende Tür, aus der uns heiße Luft entgegen weht. Sibirische Kälte? Von wegen!

Wie unangenehm sich Kälte anfühlt, habe ich ausgerechnet in Südspanien erfahren. Noch nie habe ich so gefroren wie dort im Winter. Die Wohnungen sind Eiskammern. Zentralheizungen gibt es nirgends, nur elektrische Öfen, die es gerade mal schaffen, die Luft im Umkreis von einem Meter zu erwärmen. Und sobald man in einer Wohnung zwei Heizkörper gleichzeitig anschließt, ist das Stromnetz überfordert, die Sicherung springt raus. Ein Ofen muss reichen.

Auch in Andalusien klagen die Zeitungen jedes Jahr aufs Neue über sibirische Kälte. Ich behaupte, die spanischen Reporter liegen mit dem Vergleich richtiger als die deutschen – zumindest, was die gefühlte Temperatur angeht.

In Spanien ist mir auch klar geworden: Ich bin ein verwöhntes, kälteüberempfindliches Heizungskind. Wenn ich im Dezember, Januar oder Februar im Süden bin, schleppe ich den Elektroofen vom 15 Grad kühlen Schlafzimmer zum 13 Grad kalten Bad in die tiefgekühlte Küche und von dort ins Wohnzimmer, wo es sich anfühlt wie im Iglu. Und die Spanier? Gehen mit ihren kalten Wohnungen viel entspannter um. Wenn ich die dritte Jacke anziehe, mich an den Ofen dränge und trotzdem zittere, rufen sie mir jedes Mal wieder erstaunt und voller Mitleid zu: „Du kommst doch aus Deutschland! Du musst die Kälte doch gewohnt sein!“

Bin ich nicht. Deshalb: Kältetraining. Schluss mit dem Jammern über eisige Temperaturen. Die Wahrheit ist: Der Berliner Winter fühlt sich draußen höchstens an wie sibirisches Tauwetter – und drinnen wie Karibik.

Irgendwo öffnet sich immer

eine rettende Tür, aus der uns

heiße Luft

entgegenweht.

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