Berlin : Raus in die Sonne

Winterdepressionen haben jetzt Hochkonjunktur Mit starken Lampen und Spaziergängen kann man dagegen angehen

Adelheid Müller-Lissner

Wenn es um Stimmungen geht, wählen Poeten gern Bilder aus dem Bereich der Meteorologie. Der Glückliche „strahlt“ wie die Sonne, dem Depressiven dagegen erscheint die Welt dunkel. „Umnebelt“ von düsteren Gedanken kann er das Schöne nicht mehr sehen. Doch das Dunkel ist mehr als eine Metapher. Zwischen Düsternis und Depression besteht ein ganz handfester, konkreter Zusammenhang. Jeder Vierte spürt in unseren Breiten in der Zeit der langen Nächte saisonal bedingte Verstimmungen.

„Diese leichte Form der so genannten Winterdepression ist vollkommen normal“, beruhigt Dieter Kunz, Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im Sankt Hedwig Krankenhaus einerseits. Meist zeigen sich eher harmlose Symptome wie erhöhtes Schlafbedürfnis und Heißhunger auf Süßes. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind andererseits schwerer betroffen. Der Mangel an Tageslicht, unter dem Mittel- und besonders Nordeuropäer im Winter leiden, gilt als die Hauptursache der „Seasonal Affective Disorder“. Die Grenze zwischen leichten saisonalen Verstimmungen und einer echten Winterdepression zieht Kunz so: „Wenn ein Mensch ernsthaft unter den Symptomen leidet, ist er behandlungsbedürftig!“

Viele Betroffene kennen das Phänomen schon seit Jahren oder Jahrzehnten: Alle Jahre wieder kommt unweigerlich im Herbst der Blues. Hausärzte oder gar niedergelassene Psychiater werden damit nur selten behelligt. Deshalb halten viele Mediziner saisonale depressive Störungen für eine Erfindung. „Drei von vier Psychiatern würden im Zweifelsfall lächelnd sagen: So etwas habe ich nie gesehen“, schätzt Kunz.

Christiane Dichgans, Oberärztin an der Berliner Fliedner-Klinik, gehört nicht zu ihnen. „Winterdepressionen sind an der zeitlichen Begrenzung und der besonderen Symptomatik zu erkennen“, sagt die Psychiatrie-Fachärztin. Gilt bei der klassischen Depression (siehe Kasten) Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme als ein wichtiges Erkennungszeichen, so haben die von einer Winterdepression Betroffenen umgekehrt gerade Heißhungerattacken auf Süßes. „Im Vordergrund steht die Energielosigkeit, weniger eine innere Unruhe, Neigung zum Grübeln und Konzentrationsstörungen. Außerdem leiden sie nicht unter Schlaflosigkeit, sondern unter einem vermehrten, oft schier unstillbaren Schlafbedürfnis“, erklärt Christiane Dichgans. Typisch für beide Formen der Depression ist jedoch, dass der Schlaf nicht erquickt und fit macht, sondern dass die Stimmung gedrückt bleibt und der Antrieb fehlt.

Der wichtigste praktische Rat an alle Opfer einer leichteren oder schweren Winterdepression lautet, das im Winter rare Sonnenlicht gezielt zu genießen. An Werktagen, an denen viele ihr Büro erst nach Einbruch der Dunkelheit verlassen, muss das strategisch geplant werden. Kunz empfiehlt, schon morgens für kurze Zeit in den Himmel zu gucken und Lichteinheiten zu tanken. „Das Gehirn muss wissen, wann die Nacht vorbei ist. Das wirkt positiv auf die innere Uhr.“ Man kann ihr noch mehr auf die Sprünge helfen, indem man die U-Bahn erst eine Station später besteigt und vorher einen kleinen Fußmarsch einplant – auch in der Mittagspause. Zwischendurch sollte man wenigstens ab und zu aus dem Bürofenster in den Himmel schauen. „Das Tageslicht ist selbst an einem verhangenen Tag wirkungsvoller als ein mit Lampen hell ausgeleuchteter Raum“, sagt Kunz.

Jetzt werden die Tage zwar langsam wieder länger. „Trotzdem kommt die schwierigste Zeit für die meisten Menschen mit Winter-Depressionen erst im Januar und Februar“, hat Kunz beobachtet. Wahrscheinlich werden Menschen, deren biologischer Rhythmus vom Lichtmangel aus dem Konzept gebracht wird, erst so richtig zermürbt, wenn der Zustand über Monate andauert. Auf die leichte Verbesserung der Situation, die sich jetzt abzeichnet, reagiert unsere innere Uhr zudem nicht so schnell.

An der Fliedner-Klinik wird seit einiger Zeit eine ambulante Lichttherapie angeboten. Auch in der Psychiatrischen Klinik des Sankt Hedwig Krankenhauses wird mit hohen Lux-Zahlen therapiert. „Wir versuchen, unseren Patienten solche Lampen auch für zu Hause zu verschreiben“, sagt Kunz. „Nach einer Woche wissen sie, ob sie helfen.“ Die Lampen kann man auch selbst anschaffen, die einfacheren Modelle gibt es ab 200 Euro.

Die einfache Behandlung wirkt nach heutigem Kenntnisstand, weil Tageslicht über spezielle Rezeptoren der Netzhaut biologische Abläufe beeinflusst. Besonders wichtig ist wahrscheinlich der erste Licht-Impuls am Morgen. In einer Studie, für die noch Teilnehmer gesucht werden, will man an der Charité herausfinden, welche Rolle Melatonin, das „Hormon der Dunkelheit“, und die Zirbeldrüse, in der es produziert wird, bei der Empfindlichkeit für Winterdepressionen spielen.

Weitere Infos: Sankt Hedwig Krankenhaus, Tel. 23 11-29 01, Fliedner-Klinik, Tel. 20 45 97-0.

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