Berlin : Raus nach Wannsee

Blumige Seeschlachten, Dampferpartien, edle Villen am Wasser und ein Hit der 50er Jahre: An der Havel und der kleinen Wannseekette haben die Berliner von jeher ihr Vergnügen gefunden

Thomas Loy

Berlin mangelt es an maritimen Heldensagen. Keine schaumgeborene Aphrodite, keine Odyssee, nicht einmal ein Ungeheuer vom Range Nessys verbirgt sich in den Havelfluten. Warum dieses Defizit beim Seemannsgarn? Theodor Fontane zitiert in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg einen gewissen Kapitän Backhusen mit einer wohlfeilen Erklärung: „Die Berliner haben keinen Sinn dafür. Man merkt ihnen nicht an, dass sie von den Fischerwenden abstammen.“

Kapitän Backhusen gehörte zu den frühesten Regattaseglern auf Berliner Gewässern. Man kreuzte um 1870 vor allem auf der Spree vor Stralau herum. Der große Müggelsee galt als gefährlich, und die wenigen Bootsbesitzer auf Unterhavel und Wannsee nahm man nicht für voll. Backhusen lud Fontane im Juli 1874 zu einer „Bootsexpedition“ von Köpenick nach Teupitz im Berliner Süden ein. Was den Dichter beeindruckte, war die sorgfältige Proviantierung.

Es wurden eingeschifft: 120 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfass, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner.

Das Segeln diente unseren Vorfahren im 19. Jahrhundert vor allem zur geselligen Belustigung. Nach englischer Tradition wurden allerlei Seeschlachten ausgefochten. In Admiralskostümen begab man sich auf festlich geflaggte Boote, bewarf sich ausgelassen mit Blumensträußen, spielte Musik und ließ Böllerschüsse abfeuern. Manchmal wurde dabei auch ein Fahrzeug vom Klüverbaum des nächsten aufgespießt oder man rasierte sich die Maste ab.

Auch König Friedrich Wilhelm IV (1795-1861) mochte solche Wasserspiele. Als die russische Zarin 1852 zu Besuch war, veranstaltete er einen „Gondelcorso" auf der Havel zwischen Berlin und Potsdam. Der Raddampfer „Alexandra" feuerte am Jungfernsee Salutschüsse ab, am Ufer von Schloss Glienicke riefen die Honoratioren „Hurra“.

Für Corsofahrten eignete sich besonders die Miniatur-Fregatte „Royal Louise", die Friedrich vom englischen König bekommen hatte. Auf dem Achterdeck standen zwei Messing-Kanönchen, die Kajüte war aus bestem Mahagoni. Auf der Royal Louise lernten Kronprinz Wilhelm (später Flotten-Kaiser Wilhelm II.) und sein Bruder Heinrich das Segeln. Als Kaiser logierte Wilhelm II. allerdings später bevorzugt auf seinem Salondampfer „Alexandria“. An Bord empfing er die Sieger von Ruder- und Segelregatten, schließlich passte der aufkommende Wassersport gut zu seinen seemännischen Großmachtambitionen. Noch war man aber weit vom Bootsgetümmel heutiger Tage entfernt. Das Segeln aus reiner Lust am Dahingleiten konnten sich nur Begüterte leisten.

In Berlin hatte sich 1867 der „Verein der Segler der Unterhavel“ gegründet. Die Aufnahmeregeln waren scharf. Jeder Neuzugang musste die Satzung des Vereins aufsagen können, eine Tonne Bier stiften und eine Probefahrt unfallfrei hinter sich bringen. Obwohl viele Segler Wettfahrten als Unsinn betrachteten, startete1874 die erste Havelregatta. Die Boote wendeten vor der ersten Villa am Wannsee, 1870 erbaut von Bankier Wilhelm Conrad. Dieses Haus war die Urzelle der „Villencolonie Alsen“ am Westufer des Großen Wannsees.

Sein Besitzer gründete die Colonie, ließ Straßen anlegen, Grundstücke parzellieren, baute Ausflugslokale – und er segelte. Von seinem Anwesen mit Landungsbrücke ist heute allerdings nichts mehr übrig. Viele Villen wurden in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts abgerissen, ihre Grundstücke neu bebaut. Andere, wie das Sommerhaus von Max Liebermann, dienten als Klinik oder Erholungsheim.

Berühmte Namen schmücken die Chronik der Villencolonie Alsen: Hier lebten im späten 19. Jahrhundert und in den 20er Jahren der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, die Maler Anton von Werner, Oscar Begas, Hugo Vogel und Philipp Franck, die Verleger Carl Langenscheidt, Ferdinand und Fritz Springer sowie Paul Parey und die Bankiers Eduard von der Heydt und Georg von Siemens. Die meisten hatten Yachten, segelten selbst oder ließen segeln. Nur Max Liebermann zog den festen Boden seines geliebten Gartens vor und erklärte: „Ich bin kein Seemann.“

1881 gründete sich der Verein der Segler der Unterhavel neu, man nannte sich „Verein Seglerhaus am Wannsee (VSAW)“ und achtete auf Exklusivität. Die Colonien Alsen und Wannsee (am östlichen Seeufer) hatten nach dem Bau der Bahn von Zehlendorf nach Wannsee einen starken Aufschwung genommen.

Die VSAW-Segler trafen sich zunächst in einer Scheune. Nebenan stand ein Signalmast. Wenn oben eine rote Laterne brannte, wusste die ganze Colonie, dass die Segler zusammensaßen und ihren Weinkeller leerten. Diese Laterne war das einzige Licht am Wannsee – Straßenbeleuchtung gab es noch nicht. Zum Feiern traf man sich auf Schwanenwerder, beim Regattasegeln ging es manchmal ruppig zu. Dem König von Württemberg unterlief 1900 das Missgeschick, dem bürgerlichen Segler Langenscheidt ins Boot zu fahren, woraufhin der gesagt haben soll: „Majestät, wenn Sie nicht segeln können, fahren sie Sprengwagen.“ Dafür gab’s eine Abmahnung vom Kaiser.

Nach seiner Abdankung 1918 überließ Wilhelm II. die Mini-Fregatte Royal Louise seinen Freunden vom VSAW. Hitler brachte sie zur Dekoration der Olympischen Spiele 1936 nach Laboe. Dort wurde das Schiff 1947 von ahnungslosen britischen Offizieren zerstört.

Seit einigen Jahren kreuzt nun ein Nachbau der Royal Louise über die Havel. Von ihrer Vorgängerin sind nur die Messing-Kanönchen und das Bugwappen erhalten: Sie zieren heute den Rittersaal im Seglerhaus am Wannsee. Dort haben die Segler an den breiten Holztischen schon manches Fest gefeiert – und natürlich steht auch der Hit der 50er Jahre von Conny Froboess im CD-Regal: „Pack die Badehose ein; dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus nach Wannsee.“

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