Berlin : Rauschender Jahresbeginn

Eine Million feierten Silvester am Tor – die Party wurde weltweit übertragen

Lothar Heinke[Christian Tretbar]

Für manche endet eine rauschende Nacht nie. Völlig unbeeindruckt von den Aufräumarbeiten um sie herum liegt sich ein frisch verliebtes Pärchen auf einer Bank am Brandenburger Tor in den Armen und küsst sich. Dass ringsherum Getränkezelte abgebaut, Bühnenteile mit Gabelstaplern auf Lastwagen verladen werden und das Reinigungspersonal in seinen orangenen Westen Berge von Müll einsammelt, stört die beiden nicht.

Am Tag nach dem Rausch machten sich alle gleich an die Arbeit. Zum Beispiel Martin Lehmann. Er ist Mitarbeiter der Reinigungsfirma Ruwe und schiebt einen großen Plastikcontainer vor sich her. Seit mehreren Jahren sammelt er schon den Müll von der Silvestermeile. „Aber diesmal war es nicht so viel“, sagt Lehmann. Trotzdem hatten die Männer in Orange alle Hände voll zu tun. Um vier Uhr ging es los, und mittags kehrten sie immer noch den Müll von der Straße und aus dem angrenzenden Tiergarten zusammen. Die Bühnenarbeiter machten sich auch gleich nach dem Ende der Show an die Abbauarbeit. Zwei Tage dauert es insgesamt, bis die Bühne verschwunden ist und die letzten Partyzelte abgebaut sein werden. „Am 3. Januar wird die Straße wieder frei sein“, sagt Anja Marx, Sprecherin des Veranstalters Willy Kausch.

Auch die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat in den kommenden Tagen noch einiges zu tun. „Wir werden Sonderschichten einlegen, damit unsere Stadt bald wieder richtig sauber ist“, sagt BSR-Sprecher Bernd Müller. Während es auf der Partymeile etwas weniger verdreckt war als in den Jahren zuvor, ist der Silvestermüllberg in der ganzen Stadt gewachsen. „Wir wissen es noch nicht genau, aber es war wohl mehr als in den vergangenen Jahren“, sagt Müller. Rund 200 Tonnen Müll kamen laut einer ersten Schätzung zusammen. 420 BSR-Mitarbeiter und 200 Reinigungsfahrzeuge waren seit den Morgenstunden im Einsatz.

In der ganzen Stadt wurde ausgelassen gefeiert. Vor allem auf der Party am Brandenburger Tor. Die Veranstalter der Open-Air-Party waren sehr zufrieden. „Es waren wieder mehr Leute als im vergangenen Jahr und vor allem war die Party schon sehr früh voll“, sagt Sprecherin Anja Marx. Eine Million seien es gewesen. Etwas nüchterner war gestern die Polizei: Um Mitternacht waren es 350 000 Menschen als Maximum, sagte Einsatzleiter Michael Krömer gestern. Allerdings gab es ein ständiges Kommen und Gehen; die Gesamtzahl der Besucher lag also weit höher. „Die Stimmung war durchweg friedlich und freundlich“, sagte Einsatzleiter Krömer, es wurden lediglich 29 Straftaten registriert.

Der Zustrom zur zwei Kilometer langen „Party-Meile“ begann schon am Nachmittag, viele hätten bis zwei Uhr früh gefeiert, hieß es bei der Polizei. Viele fühlten sich an die WM-Fanmeile erinnert. Das Angebot der Stände war allzu vertraut: Bratwürste und Crêpes, Sekt und Bier in vielen Variationen. Auch das Riesenrad drehte sich wie einst im rauschhaften Fußballsommer.

Das Bühnenprogramm begann mit einer Stunde Verspätung, da sich die tiefe Wetterfront „Karla“ am Morgen auch auf der Festmeile mit Böen bis zu 110 Stundenkilometern ausgetobt hatte. „Wir mussten auch einige Dekorationen von der Bühne abbauen, aber es bestand nie eine ernsthafte Gefahr“, sagt Marx. Gegen 20 Uhr wurden die Zugänge von der Behrenstraße aus geschlossen, die Polizei schickte die immer zahlreicher werdenden Partygäste auf den weiten Umweg über den Potsdamer Platz zur Straße des 17. Juni. Dort war bald kein Durchkommen mehr.

Auffallend viele Besucher waren aus ganz Deutschland und aus dem Ausland, besonders aus Italien und Spanien, gekommen: „Berlin ist wunderbar“ – mit dem großen bunten Feuerwerk über den Köpfen war es am Ende noch schöner. Die Party wurde in die ganze Welt übertragen. 30 Fernsehstationen waren vor Ort, sogar ein chinesischer Sender sendete live vom Brandenburger Tor. Auch die Zwischenfälle hielten sich in Grenzen. „Es gab einige Einsätze des Roten Kreuzes, aber nichts Gravierendes“, sagte Marx.

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