Berlin : RAW-Gelände: Die Idealisten müssen frieren

Katharina Körting

Der zweite Winter soll nicht so kalt sein wie der erste. Dies ist zurzeit die größte Sorge der rund 70 Leute, die seit Juli 1999 auf dem RAW-Gelände an der Revaler Straße ihre Ateliers und Werkstätten haben. "Wir wollen uns nicht wieder zu Tode bibbern", sagt die Geschäftsführerin des Dach-Vereins RAW Tempel, Bibiena Houwer. Wenn der einzige Wasserschlauch zufriert, gibt es kein Wasser mehr. Fünf Pullover übereinander, elektrische Heizstrahler, die kaum die Hände wärmen in den hohen Hallen - das muss nicht noch mal sein. Vor allem die Aussicht auf Elektro-Wärme schreckt die ökologisch orientierten RAWler, die ja gerade ein nicht-kommerzielles, umweltfreundliches "Paralleluniversum" entwickeln wollen. Nachhaltige Stadtentwicklung von unten heißt das Schlagwort. Und Wärme aus der Steckdose ist nicht nur nicht nachhaltig, sondern auch teuer.

Doch die 30 Projekte auf dem 6000 Quadratmeter großen Teilstück der insgesamt 100 000 Quadratmeter umfassenden Fläche des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes können nicht langfristig planen. Das Gesamtgelände, auf dem bis 1994 Waggons und Lokomotiven repariert wurden, erstreckt sich längs der Gleise von der Warschauer Brücke bis kurz vor das Ostkreuz. Die Fläche, auf der sich der Verein eingerichtet hat, soll im Rahmen eines ersten Bauabschnitts zuerst saniert werden. Denn der Boden ist mit Lack- und Ölrückständen kontaminiert. Mehrere hundert Wohnungen und rund 10 000 Arbeitsplätze sind geplant, Baubeginn: frühestens in drei Jahren. Eigentümerin ist die Deutsche Bahn.

Die Eisenbahnimmobilien-Management GmbH (EIMM), die die Fläche verwaltet, hat zwar den Zwischennutzungsvertrag für RAW Tempel mit dem Bezirksamt bis zum Juni 2002 verlängert. Um Heizungen einzubauen, die möglicherweise in anderhalb Jahren wieder abgerissen werden müssen, fehlt den Projektteilnehmern jedoch nicht nur das Geld, sondern auch die Genehmigung. "Wenn der Verein länger bleiben will als vereinbart, muss er sich in das Gesamtkonzept fügen", sagt Stefan Klingsöhr von der "Dr. Gop & Klingsöhr Projektentwicklungs- und Marktforschungs GmbH", die im Auftrag der EIMM eine Machbarkeitsstudie für das Gelände erstellt. Ein Umzug der Zwischennutzer innerhalb des Areals sei jedoch möglich. Mit der Winterfestmachung habe die EIMM nichts zu tun. Also wird Holz gehackt, das von Firmen oder vom Grünflächenamt gespendet wurde. Über die Hälfte der Räume sind auch mit Holz nicht heizbar. In den anderen stehen Kachelöfen und Allesbrenner.

Vier Gebäude nutzt der Verein. Eines davon ist das ehemalige Stoff- und Gerätelager des Geländes. In dessen Erdgeschoss befindet sich das Café Küste mit einem improvisierten Strand davor. Dort möchten die Nutzer eine dezentrale Festbrennstoffheizung einbauen. Ein Stockwerk drüber werkeln Erfinder an neuen Instrumenten. In einem großen Raum daneben üben die Akrobaten und Jongleure des "Vereins zur Überwindung der Schwerkraft". Im vorigen Jahr haben sie den Raum mit einem Gasgebläse geheiz. Das machte ziemlich schlechte Luft", sagt der Jongleur und Artist Udo Bachmann. "Wir haben einen tollen Plan für eine Gasetagenheizung" Doch eine Genehmigung hierfür lässt bislang mit dem vagen Hinweis auf eine "Gesamtlösung" auf sich warten.

"Da hängen auch Arbeitsplätze dran", sagt Roman Dill, der seine Neuschöpfung "Pneumatic Pitch Control", eine Art Trommel mit Fahrradschlauchregulator, schon in alle Welt verkauft hat. Zusammen mit Bernhard Schimpf, dem Erfinder des stufenlosen Blasinstruments "Elastophon", will Dill eine Firma gründen, vielleicht sogar den Instrumentenbau im großen Stil aufziehen. Die Neuschöpfungen sind schon patentiert. "Da braucht man Planungssicherheit", sagt Dill.

"Das sind Bedingungen, die für künstlerische Projekte nicht akzeptabel sind", meint auch die Vereinsvorsitzende Carola Ludwig. "Das Überwintern ist nur durch großen Idealismus möglich." Der beschränkt sich nicht auf den Traum vom einfachen, ökologischen und kreativen Leben abseits von kommerziellen Zwängen mitten in der Stadt. Idealismus bedeutet auch viel eigene Arbeit. 1999 haben die Projektmitglieder neue Reinigungslüftungen in die Schornsteine gebaut. Damit amtlicherseits alles in Ordnung ist, müssen nun noch Laufroste aus Metall ausgelegt werden, damit die Schornsteinfeger sicher gehen können. "Wir arbeiten im Moment fieberhaft daran, die 5000 Mark dafür aufzutreiben", sagt Uwe Kandzia, Ingenieur und bautechnischer Leiter. Vielleicht müssen die RAWler auch in diesem Winter wieder auf die politisch und finanziell unkorrekten Heizstrahler zurückgreifen. Der Ingenieur, schon eingemummelt in einen Wollpullover, hofft trotzdem, dass es richtig kalt wird: "Im Schnee ist Berlin doch erst richtig schön."

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