Berlin : Razmik Melkomyan (Geb. 1961)

"Ich finde, Berlin ist die beste Stadt der Welt"

Andreas Unger

Sie solle bitteschön unter die Leute gehen, wenn er gestorben sei. „Verkriech dich nicht. Mach nicht alles mit dir selber aus. Und geh wieder öfter schwimmen!“, das gab Razmik Melkomyan seiner Frau Angela vom Krankenbett aus mit auf den Weg.

Sicher hatte er Angst vor dem Tod, die hat fast jeder. Vor allem aber hatte er Angst um seine Frau. Er wollte ihr sein Sterben leichter machen. Mit guten Ratschlägen. Und mit Späßen wie diesem: Razmik, wie geht’s dir heute? – Schlechte Nachricht: So leicht werdet ihr mich nicht los.

Razmik Melkomyan, der iranische Armenier, der deutsche Asylant, hatte die Leichtigkeit der Entwurzelten, den Optimismus derer, die die schweren Zeiten kennen. Bis er 18. war, lebte er im Iran. Nach der Revolution ging er nach Puna in Indien, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Er nahm an Demonstrationen gegen das iranische Regime vor dem UN-Gebäude in Neu-Delhi teil und las alles, was er in die Hände bekam: Tschechow, Tolstoi, Turgenjew und immer wieder Brecht. In das Land, das ein Gottesstaat geworden war, wollte er nicht zurück.

Als ihm sein indisches Visum nicht mehr verlängert wurde, fand er seinen Weg in den Osten Berlins und, per Asylantrag, schließlich in den Westen der Stadt, über die er später sagte: „Hier kann jeder seine Ecke finden, egal, welchen Charakter er hat, egal, was für ein Mensch er ist. Ich finde, Berlin ist die beste Stadt der Welt.“ Er studierte Theatertechnik, arbeitete als Beleuchter bei der Deutschen Welle und entdeckte seine Liebe zum Film.

Als er einen Nachrichtensprecher sagen hört, die Abstammung sei entscheidend beim Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft, hat er die Idee für einen Film. Titel, in Anspielung auf Dostojewski: „Lächerlicher Traum eines Menschen“. Er handelt unter anderem von einem Ausländer, der von Nazis zusammengeschlagen wird, ins Krankenhaus kommt und eine Transfusion mit deutschem Blut bekommt. Wieder genesen, ist er plötzlich pünktlich, ordentlich und wäscht jeden Sonntag sein Auto. Melkomyan dreht mehrere Kurzfilme, unter anderem für die Aufklärungskampagnen „Gib Aids keine Chance“ und „rauchfrei“. Und er wird Dozent am „Institut für digitale Kommunikation“.

Razmik Melkomyan war links, und wie es sich gehört, konnte er sich über die Linken viel mehr ärgern als etwa über die Union. „Das ist eben die CDU, die muss so sein“, sagte er, wenn er gemeinsam mit seiner Frau Nachrichten schaute. Er kaufte dem Westen seine Heilsversprechen nicht ab: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Razmik Melkomyan war voller Liebe, Energie und Enthusiasmus. „Für viele Leute war er ein überzeugter Atheist, aber ich glaube das nicht“, sagt Angela. „Er war in Konflikt mit Gott.“ Er liebte Jesus, nicht als Gottessohn, aber als Revolutionär.

Armenien, das Land seiner Vorfahren, war sein Sehnsuchtsort, heiter, bunt und sonnig. Der Journalistin Anna Akopova hat er erzählt, wie er zum ersten Mal nach Eriwan reiste: von seiner Angst, von der Wirklichkeit Armeniens enttäuscht zu werden. Und wie er, auf einem Balkon stehend, das Haus aus einem seiner Filme entdeckte: „Die gleichen Farben, die gleiche Architektur, ein Wirklichkeit gewordener Traum.“ Andreas Unger

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