Berlin : Razzia auf Automarkt: "Radio-Kaset, vieles neu"

Tanja Buntrock

Unentschlossen schlendert der kleine, stoppelbärtige Mann in der blauen Schlabberhose und der blau-weißen Windjacke durch die Reihen geparkter Privatautos. Er bleibt stehen, schaut auf die Pappschilder, die hinter den Scheibenwischern klemmen "Preis: 1 800 Mark, Radio-Kaset, vieles neu", steht auf einem. Dann wandert sein Blick auf die Nummernschilder. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, bummelt er weiter, steuert plötzlich direkt auf den Besitzer eines feuerroten Ford-Escort zu und zückt seinen grünen Ausweis: Polizeikontrolle.

Sonntagmorgen, Automarkt auf dem Großmarkt Beusselstraße in Moabit. Die Polizei führt dort ihren elften Schwerpunkteinsatz in diesem Jahr durch. Wo unter der Woche Laster, beladen mit Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch Ware anliefern, bieten sonntags Händler und Privatleute Gebrauchtwagen an. 850 sind es durchschnittlich, je nach Wetterlage bevölkern bis zu 3 000 Leute den Platz. 85 Prozent sind Ausländer, vor allem aus Ost- und Südeuropa. Weil die Polizei dort permanent Straftaten und Ordnungswidrigkeiten feststellt, hat sie den Automarkt sowie die umliegenden Straßen 1998 zum "gefährlichen Ort" erklärt. Es gibt Beschwerden der Anwohner. Sie fühlen sich durch den Markt belästigt. "Urkundenfälschung, Missbrauch der roten Nummernschilder, gefälschte Doppel-Versicherungskarten, gestohlene Autos", zählt Michael Scharnowski, Leiter des Abschnitts 33 in Moabit auf. "Der ganzen Palette gehen wir nach." Insgesamt 150 Polizeibeamte durchforsten das Gelände, etwa 50 von ihnen sind in Zivil unterwegs.

Wie der Polizist in der blauen Schlabberhose. Zwei Zivil-Kollegen sind hinzugestoßen. Sie klappen die Motorhaube hoch, überprüfen die Fahrgestell-Identifizierungsnummer, die Fahrzeugpapiere und das Kennzeichen. Drumherum eine Handvoll Besucher, eine Melange aus süd- und osteuropäischem Wortfetzen. Einige wollen wissen: "Was geht los hier?" Ein paar hundert Meter weiter bauen sich drei Zivilbeamte vor einem blauen Opel-Kadett-Kombi auf. "Wir sind stutzig geworden, weil er eine rote Händlernummer hat, aber zudem weitere rote Kennzeichen auf der Rückbank liegen, sagt einer der Polizisten. An einem Sonntag darf ein Autohändler weder Fahrzeuge anbieten noch Verkaufsgespräche führen. Das verstößt gegen das Ladenschlussgesetz. Der Kadett-Besitzer beteuert mit osteuropäischem Akzent: "Ich habe das Auto nur zum Anschauen hier stehen, gesprochen habe ich mit niemandem." Später gibt der Mann an, dass es ein befreundeter Autohändler war, der ihn gebeten habe, den Wagen auf dem Markt anzubieten. Damit haben beide eine Ordnungswidrigkeit begangen und werden dafür belangt, denn ein rotes Nummernschild ist personengebunden. Insgesamt zehn Personen schnappen die Beamten bei diesem Einsatz wegen Missbrauchs roter Nummernschilder. Sie erteilen 14 Platzerverweise wegen wiederholter Vergehen auf dem Markt, erstatten 34 Anzeigen gegen Leute, die ihre Autos ausserhalb des Marktes angeboten haben. Wegen Verdachts auf Autodiebstahl wird gegen zwei Männer vorgegangen. Gegen 15 Uhr endet der Einsatz. Die Polizei zieht Bilanz: Die Anzeigen-Ausbeute war "guter Durchschnitt".

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