Berlin : Razzien nach Schießerei unter Rockern Neue Republikflucht

Berliner Polizist saß mit „Bandido“-Mitglied im Auto und wurde verletzt – Tatverdächtige festgenommen

Peter Tiede

Berlin/Neuruppin - Nach der Schießerei unter verfeindeten Rockergruppen in Hennigsdorf nördlich Berlins sind in der Nacht zu Montag zwei Tatverdächtige verhaftet worden: der Vize-Präsident des Rockerklubs „Red Devils MC Berlin“, der 35-jährige Bern K., und der ebenfalls den Red Devils zugeordnete 27-jährige Rene W. Beide wurden am Montagmorgen gegen drei Uhr in einem Haus in Friedrichsthal nordwestlich von Berlin verhaftet, sagte die Neuruppiner Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. Ob sie in Haft bleiben, soll heute entschieden werden. Durch die Schießerei ist nach Informationen des Tagesspiegels eine verdeckte Ermittlung der brandenburgischen Polizei unfreiwillig beendet worden. Beide Tatverdächtige stehen im Verdacht, zu einem Drogenhändlerring zu gehören.

Gleichzeitig mit den Verhaftungen war die brandenburgische Polizei in der Nacht mit einem Großaufgebot und Spezieleinsatzkommandos auch aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu Razzien ausgerückt: Sieben Objekte im Landkreis Oberhavel und eines in Berlin seien durchsucht worden, sagte Staatsanwältin Lodenkämper. Inoffiziellen Angaben nach wurden Waffen und Drogen beschlagnahmt. Unklar sei noch, wer von den beiden Verhafteten geschossen hat.

Am Sonntag war gegen 14 Uhr an einer Ampel in der Berliner Straße in Hennigsdorf aus einem Auto auf einen anderen Wagen geschossen worden, in dem ein ehemaliges Mitglied der Rockergruppe Bandidos und ein wegen mehrerer Delikte vom Dienst suspendierter Berliner Polizist saßen. Der Polizist, der enge Beziehungen zu den Bandidos haben soll, wurde schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Er liegt derzeit – von der Polizei bewacht – im Virchow-Klinikum. Trotz des seit Jahren anhaltenden Krieges zwischen den Bandidos und den verfeindeten Bande der Hells Angels – die von den Red Devils unterstützt werden – gehen die Ermittler derzeit nicht von einem geplanten Mordanschlag aus. Ein Polizist sagte: „Die haben zufällig nebeneinander an der Ampel gestanden, dann hat es Streit gegeben, und einer hat eine Waffe gezogen und in den anderen Wagen gefeuert.“

Zeugen hatten das Kennzeichen des Audi A 8 gemeldet, aus dem die Schüsse abgefeuert wurden. Als die örtliche Polizei wegen der vermuteten Verbindung zu Rockergruppen das LKA und die dort angesiedelte Spezialgruppe eingeschaltet habe, hätten beim LKA offenbar die Alarmglocken geschrillt, so ein Ermittler. Offenbar erst nach längeren Beratungen hätten die LKA-Fahnder entschieden, einen Teil ihrer Ermittlungsergebnisse an das Polizeipräsidium Potsdam und den Schutzbereich Oberhavel weiterzugeben und einen Teil der eigenen, groß angelegten Ermittlungen wegen Organisierter Kriminalität zu gefährden. Dann sei auch entschieden worden, die massiven Razzien noch in der Nacht durchzuführen.

Erst im Februar hatten Hells Angels in Cottbus auf ein Bandidos-Mitglied geschossen und den Mann lebensgefährlich verletzt. Damals sicherten Hunderte Polizisten einen Tag später eine Kluberöffnung der Hells Angels in Berlin aus Furcht vor Racheakten. Auch nach der sonntäglichen Schießerei in Henningsdorf rechnen Sicherheitsbehörden mit gezielten Racheakten.

Die Sicherheitsbehörden rechnen in Berlin und Brandenburg etwa 600 bis 800 Personen der Rockerszene zu; 150 bis 250 davon kommen aus Brandenburg, wo es noch vor etwa zehn Jahren gerade einmal 50 davon gab. In der Hauptsache konkurrieren die Motoradclubs um Aufträge in der Türsteherszene, was als Schlüssel für die lokalen Drogenmärkte gilt.

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