Reading BERLIN : Seite 65

An jeder Ecke sieht man Menschen, die in Büchern lesen.Andreas Merkel fragt sie, was darin gerade passiert

Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel
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Sonntagnachmittag, mit den Kindern am Schlachtensee. Weil ich wieder mehr darauf achten wollte, was meine Romanfiguren essen, notierte ich mir in der Fischerhütte die Speisenfolge. Weil ich nichts zum Schreiben dabeihatte, musste ich es in mein Handy tippen.

Dann machten wir einen Spaziergang um die Krumme Lanke. Gegen meine Westberlin-Vorbehalte – die ersten fünf Jahre hier hatte ich FU-nah in Friedenau gelebt –, gegen die bürgerliche Müdigkeit und auch gegen die Mücken rauchte ich eine nach der anderen. Skeptische Blicke anderer Spaziergänger: Vielleicht durfte man hier gar nicht rauchen, wegen der Natur?

An einem kleinen Strand saß eine Frau mit einem Buch, an der ich erst vorbei- und dann noch mal zurückging. Im Näherkommen hatte ich ein wenig Angst, es könnte sich um eine Zehlendorfer Esoterikerin handeln. Die Frau war aber sehr nett (Die Leute sind ja eigentlich immer nett, wenn man sie nett anspricht. Scheinbar fällt es Menschen schwer, freundliches und höflich-distanziertes Verhalten nicht zu spiegeln). Im Gegensatz zu mir hatte sie Blatt und Stift dabei, während sie „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden & Werte“ von André Comte-Sponville las.

„Überall steht die Gier am Pranger, Mäßigung ist das Gebot der Stunde. Offenbar bieten uns die klassischen Tugenden noch immer Orientierung. Doch welche von ihnen sind heute besonders wichtig?“ Das habe ich nachträglich im Internet rausgesucht, weil ich nicht richtig hingehört habe, als die Frau mir die Stelle erklärte, die sie gerade las. Es ging wohl darum, wer mehr Mut habe: ein Terrorist, der ein Flugzeug entführt, oder seine Opfer, die in dem Flugzeug sitzen. Was ich aber garantiert falsch verstanden hatte, weil ich damit beschäftigt war, Titel und Autor ins Handy zu tippen.

Das mit dem Satz, den sie gerade gelesen hatte, schien die Frau über ihren Ausführungen (oder meinem Getippe) vergessen zu haben. Sie war gerade auf Seite 65 und ließ mich einfach den kürzesten Satz vom Seitenanfang abschreiben: „Aber lassen wir den Krieg, der uns zu weit führen würde.“ Ein Satz wie eine Abkürzung, der zugleich die Kritik dieser Abkürzung mitdachte. Ich steckte mein Handy ein, blickte auf den Schlachtensee und musste plötzlich an Ernst Jünger denken.

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