Reading BERLIN : Der Krieger

An jeder Ecke sieht man Menschen,die in Büchern lesen. Andreas Merkelfragt sie, was darin gerade passiert

Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel
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(Schlaflos um fünf Uhr morgens fielen mir zwei Zitate ein. Das erste war von Richard Ford: „If loneliness is the disease, the story is the cure.“ Das zweite war aus einem Interview mit Peter Handke, in dem der Autor sich über Menschen beschwerte, die er in der Öffentlichkeit, etwa in der U-Bahn, ein Buch lesen sehe. Das empfinde er, Handke, immer als eine „Arschhaltung“ dem Buch gegenüber. Irgendwo zwischen diesen beiden polemischen Polen, dem amerikanischem Optimismus und dem europäischem Zynismus, habe ich immer versucht, für mein eigenes Schreiben eine Balance zu finden. Tagebuchende.)

Montagmorgen holte ich beim Bäcker Gartenstraße, Ecke Torstraße Brot und Zeitung. Kurz kam die Sonne raus und vor dem Café – es gibt in der Gegend natürlich keine klassischen Bäckereien mehr, die nicht auch Cafés wären – standen Tische und Stühle. Hier saß mein nächster Leser mit einer frischen Tasse Kaffee. Bereits beim Betreten des Ladens hatte ich das Buch auf dem Tisch gesehen. Ich überlegte kurz, ob ich ihn überhaupt fragen sollte, da der Mann ja noch nicht mal zu lesen angefangen hatte, sondern noch mit seinem Handy beschäftigt war. Beim Verlassen der Bäckerei fragte ich dann doch. Er fand die Idee sehr gut und meinte, dass ich mir ruhig Zeit lassen solle, da ich zunächst ein bisschen hektisch in meiner Tasche den Kugelschreiber nicht finden konnte.

„,Ein Mensch? Hier?’, stieß Urak hervor, bevor sich auch seine Nasenflügel witternd blähten.“ Das war der Satz, den er gerade gelesen hatte, noch ziemlich am Anfang des Romans „Der Krieger“ von Bernd Frenz. Ich vergaß sogar, mir wie sonst die Seitenzahl zu notieren, so begeistert war ich von dem Satz. Auch wenn ich insgeheim den Verdacht hatte, mein neuer Leser hätte vielleicht ein bisschen geschummelt, weil ich so lange den verdammten Kugelschreiber gesucht hatte, und die Stelle in der Zwischenzeit bewusst für mich ausgewählt. Das Buch war ein Geschenk von seinem Schwiegervater, der wisse, dass er gern Fantasy lese.

Ob ich eigentlich auch Leute mit einem E-Book oder Kindle ansprechen würde, wollte der Mann wissen, das sehe er jetzt immer häufiger. Warum eigentlich nicht, antwortete ich. Ob er auch schon so ein Gerät habe? Nein, sagte er, er brauche noch dieses Gefühl, ein Buch in der Hand zu haben.

(Wie old school! Wir wünschten uns noch einen schönen Tag, und ich ging einen extra Block den langen Weg nach Hause. Ich wollte noch über die Frage des Fantasy-Lesers nach dem E-Book nachdenken, ob oder wie sich gerade alles veränderte. Gleich würde ich selber elektronische Texte lesen und schreiben, mit einer optimistischen Arschhaltung, die dennoch keinen Zweifel daran ließ, dass womöglich nichts von alldem einen Wechsel aufs nächste Speichermedium der Zukunft überleben würde. Tagebuchanfang.)

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