Reading BERLIN : Seite 311

An jeder Ecke sieht man Menschen,die Bücher lesen. Andreas Merkelfragt sie, was darin gerade passiert

Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel
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Fast jeden Tag ging ich im Spätsommer durch den Weinbergspark, der zwischen meiner Arbeitswohnung und der Wohnung meiner Freundin liegt. Hier war eigentlich immer was los. Auf der abschüssigen Wiese lagen die Menschen fast wie am Strand, sobald die Sonne auch nur für fünf Minuten rauskam. Dazu Dealer, die einen verschwörerisch anpsssten, elegante Hundehalter, die die Scheiße ihrer Lieblinge in Plastiktüten einsammelten, und natürlich die ganz normale Berliner Parknutzermischung aus Prenzlberg-Müttern, Partyleichen und Pennern. Und wenn die Wiese zu dieser Zeit tatsächlich ein Strand war, dann war der kleine Seerosenteich an ihrem unteren Ende die Uferzone und die Brunnenstraße dahinter das Meer mit der Brandung des Verkehrs.

Von dort, aus dem Ozean der Großstadt, kam ich an einem hektischen Montagmittag hochgeradelt. Es ging bereits stark auf den Herbst zu, und von den vielen Lesern, die ich hier in den vergangenen Wochen gesehen hatte, waren nur einige wenige übrig geblieben. Aber gerade weil heute so wenig los war und obwohl ich eigentlich in Eile war, weil ich meine Freundin vom Flughafen abholen musste, fiel mir diesmal ein Leser ganz besonders auf. Es war eine Demonstration von Lesen unter erschwerten Bedingungen. Der Mann las in einer Haltung, die ich nicht zwei Sekunden durchgehalten hätte: auf einer Wiese liegend mit angewinkelten Beinen, bei gleichzeitig angehobenem Kopf. Beim Rücken- und Nackenmuskulaturtraining einen Thriller lesen, Musik hören und von mir nach dem gerade gelesenen Satz gefragt werden – Letzteren konnte ich mir da nur als literarische Quersumme aus all diesen Parallelaktionen vorstellen.

„Sie nahm nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppe.“ Der Satz auf Seite 311 in dem Roman „Der Regler“ von Max Landorff erwies sich als erstaunlich schlicht. Bevor der Mann wieder seine Ohrhörer einstöpselte, erzählte er mir noch, dass er sich das Buch einfach in einer Buchhandlung ausgesucht habe. Keine Empfehlung, kein Tipp, vermutlich las er einfach gerne Thriller. Für mich aber war der Satz so etwas wie ein Startschuss. Ich sprang zurück auf mein achtlos neben den Leser hingeworfenes Rad, raste zur Wohnung meiner Freundin, fuhr mit dem Auto im Stau des Feierabendverkehrs nach Schönefeld. Kam dort 45 Minuten zu spät an. Meine Freundin war nicht sauer. Sie hatte einen Roman dabeigehabt, von dem sie mir begeistert erzählte: „Der amerikanische Investor“ handelte von einer Zukunftsoption, in der die halbe Stadt einem ausländischen Unternehmer gehörte und das sorglose Abhängen an einem Strand in Mitte für jeden von uns bald unbezahlbar geworden wäre. Leider gab’s davon kein Foto.

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