Reading BERLIN : Seite 7

An jeder Ecke sieht man Menschen,die in Büchern lesen. Andreas Merkelfragt sie, was darin gerade passiert

Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel
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Oft denke ich über das (öffentliche) Lesen in Berlin nach. Es ist ja nicht so, dass weniger gelesen wird. Die Leute lesen praktisch die ganze Zeit: Aufkleber an Hauswänden („Fuck Yoga“), Inhaltsangaben von DVD-Hüllen („Der beste Cop-gegen- Gangster-Thriller seit ,Heat’“) oder die Parolen der Plakatwerbung („Berlin bleibt nie Berlin“), über die man schlimmstenfalls wochenlang nachdenken muss.

Und natürlich sieht man andauernd Menschen, die im Stehen oder Gehen auf ihre Handys oder Smartphones starren und dort etwas lesen, das als SMS, Tweet oder Facebook-Neuigkeit an sie adressiert wurde und ihnen deshalb ein Äquivalent an Aufmerksamkeit abverlangt, als hätte sie jemand gerade auf der Straße angeschrien (oder ihnen etwas ins Ohr geflüstert).

Man könnte also sagen: Noch nie wurde so viel gelesen wie heute. Ich glaube nicht, dass wir bisher auch nur ansatzweise verstanden haben, was da gerade mit uns passiert. Ich merke nur: wenn man sich, wie ich, mit einem einigermaßen freien und offenen Blick durch die Stadt bewegen und die Landschaft aus Menschen, Häusern, Bäumen, Baustellen noch in ihrer Gesamtheit wahrnehmen möchte, muss man sich das Lesen regelrecht untersagen. Um dann, wie ich, trotzdem weiterhin nach Leuten Ausschau zu halten, die ein Buch lesen.

In diesen Zeiten des Dauer- und Überlesens ist die Beschäftigung mit einem Buch fast schon so etwas wie ein Statement geworden. Was einem die ganze Angelegenheit mitunter schon wieder verleiden kann. Ich versuche, nicht auf Leute zu achten, die ihr Bücherlesen allzu sehr raushängen lassen. Zum Beispiel auf jemanden, der sein Buch im Gehen liest. Oder auf Menschen, die aussehen, als wollten sie gerade für eine Kampagne zur Rettung der abendländischen Kultur gecastet werden. In diesen Fällen könnte man mal wieder mit Peter Handke von einer „Arschhaltung“ dem Buch gegenüber sprechen (vgl. „Reading Berlin“ vom 24.9.).

So wäre es aber auch fast passiert, dass ich an dem Leser in der Münzstraße vorbeigefahren wäre. Denn natürlich war der entspannt vorm U-Bahneingang Weinmeisterstraße sitzende Typ mit Hut, Buch und Sonnenbrille an einem Donnerstagnachmittag um vier sofort als Tourist erkennbar.

Was mich aber sofort für ihn einnahm, war die weltläufige und nette Gelassenheit, mit der er sich nicht im Geringsten über mein Anliegen zu wundern schien. Und das Buch, das er gerade las: „Just Kids“ von Patti Smith. Er hatte es sich gerade in einem englischen Buchladen gekauft, irgendwo in der Umgebung. Er kenne die Gegend noch nicht so gut, denn er komme aus Australien und sei zum ersten Mal hier.

„We wore the orange and knew nothing of its meaning“, lautete der Satz auf Seite 7, den er gerade gelesen hatte. Obwohl er selbst in schwarzen Nick-Cave-Socken herumlief, schien sich der Australier über diesen Satz beim Vorlesen regelrecht zu freuen, was ansteckend wirkte. Dank des bedeutungslosen Orange in Patti Smiths Buch hatten wir auf einmal beide eine Spitzenlaune. Ich wünschte ihm noch einen schönen Aufenthalt. Er mir auch!

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