Berlin : Reaktion von Schülern: Reden über Bush und die Welt

Suzan Gülfirat

In der Rückert-Schule am Innsbrucker Platz in Schöneberg hat es zur großen Pause geklingelt. Der Tag ist sonnig, die älteren Schüler begeben sich zur Raucherecke im Hof hinter der Schule. Schnell ein paar Mal an der Zigarette ziehen - und reden. In den Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center hatten sie richtige Trauerarbeit betrieben. Haben zum Beispiel hunderte Briefe an den amerikanischen Präsidenten geschrieben und im Kunstunterricht ihre Wut und Trauer zu Papier gebracht. Jetzt wirken sie ruhig und besonnen. "Wir wissen noch nicht richtig, was passiert ist. Wir haben bisher nur die Pentagonbilder gesehen", sagt der 18-jährige Stefan Balda.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Über den Krieg sei im Unterricht gesprochen worden, aber keiner könne im Moment die Frage beantworten, ob der überhaupt ein richtiger Krieg sei und wie lange er überhaupt dauern werde. Man müsse erst die Dimension des Geschehens abwarten, um sich eine Meinung bilden zu können.

Dabei sind die jungen Männer, was die Rolle Amerikas betrifft, mittlerweile weit kritischer als nach den Terror-Anschlägen in New York. Die TV-Berichterstattung zu den Geschehnissen von Sonntagnacht haben sie exakt verfolgt. "Hey, hast Du das Bush-Interview gesehen?" fragt ein Schüler, während er auf einige Klassenkameraden aus den höheren Stufen zuläuft. "War das Interview wirklich live?" Der 17-jährige Benjamin Federmann fühlt sich angesprochen. Er meint, er habe ein, zwei Schnitte in dem Fernsehbeitrag ausgemacht und fügt hinzu: "Wie Bundeskanzler Schröder sich äußert, finde ich nicht gut. Er macht den Leuten erst recht richtig Angst."

"Bei uns sind sie genau richtig", sagt später schließlich die 18-jährige Sezen Tatlece auf dem Raucherhof. Mehrere Jugendliche, die Schulschluss haben, stehen mit ihr beisammen, um noch ein wenig zu reden. "Wir haben nach dem Anschlag wochenlang über nichts Anderes gesprochen", sagt Sezen Tatlece. Dagegen sei es jetzt im Unterricht relativ ruhig geblieben. Sie habe auch mit ihren Eltern über den Krieg gesprochen, die - obwohl türkischstämmig - ihre Informationen ausschließlich über die deutschen Medien beziehen. "Mich interessiert, was hier passiert", sagt sie. Zum Beispiel würden in einigen Moscheen in Berlin Jugendliche gegen Juden und Amerikaner aufgehetzt.

Bei den meisten türkischstämmigen Schülern ist die Türkei ein großes Thema. "Als bei dem Erdbeben in der Türkei 30 000 Menschen gestorben sind, ist nicht so viel getrauert worden", sagt Cihan Topcu.

In den elterlichen Wohnungen der meisten Schüler aus der Fichtelgebirge-Hauptschule in Schöneberg laufen seit Sonntagabend ausschließlich türkische Fernsehsender. Die Schule hat einen Ausländeranteil von 50 Prozent. 280 Schüler sind es insgesamt. An diesem Tag sind viele nicht zum Unterricht gekommen. Der Kriegsbeginn ist in den meisten Klassen noch nicht thematisiert worden, aber viele Schüler sind doch gut informiert. Die 15-jährigen Schülerinnen Zeynep, Tugba, Dilek und Büsran fallen auf dem Schulhof ein wenig auf, weil sie die einzigen Mädchen mit Kopftuch sind. Sie erzählen, dass ihre Eltern sowohl über den New Yorker Anschlag als auch über den Gegenschlag schockiert sein. "Ich kenne keinen Moslem, der sich über die Toten freut", sagt Büsran. Vielleicht empfänden manche Leute Schadenfreude, weil sich Amerika blamiert habe. Auch sie wünsche sich keinen Krieg. "Ich habe Angst vor einem Weltkrieg", sagt sie. Über den Hof läuft ein Junge, der ein wenig überdreht wirkt. Er trägt ein Miniradio im Ohr, will ständig Nachrichten hören. Der 16-jährige Moka stammt aus Palästina und ist Klassensprecher einer 9. Klasse. "Erst habe ich mich über den Anschlag ein wenig gefreut", gibt er zu. Aber am nächsten Tag sei ihm bei den Bildern richtig übel geworden. Da hat er er Blumen am Rathaus Schöneberg niedergelegt.

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