Berlin : Reaktionen auf den Terror: Zur Anteilnahme kommt nun die Angst vor Krieg und Krise

Christian van Lessen

Die Kirchen rechnen heute mit außerordentlich gut besuchten Gottesdiensten. Das Bedürfnis Zehntausender, gemeinsam um Frieden zu beten, ist Ausdruck wachsender Sorge vor einem Krieg. Das Entsetzen über die Terroranschläge in den USA und die möglichen Auswirkungen auf Europa schüren Ängste. Um zu helfen, bieten Psychologen bereits einen speziellen Beratungsdienst an. Die Furcht vor der Krise zeigt sich auch an Ladenkassen: Mitarbeiter von Berliner Supermärkten bestätigten gestern erste Hamsterkäufe.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige "Wenn es schlimm wird, stürmen wir Aldi", sagten gestern zwei ältere Damen in der Filiale an der Badenschen Straße in Schöneberg, und sie meinten es ernst. Allerorts wurde mehr eingekauft als sonst vorm Wochenende üblich. In Einkaufswagen, die durch die Lebensmittelfilialen geschoben wurden, stapelten sich ungewöhnlich viel Mehltüten, Brotpäckchen und Wasserflaschen, so dass es bereits zu Engpässen kam. Bei der älteren Generation, die den letzten Krieg mit erlebte, waren vor allem Nudeln, Konserven und Kerzen gefragt. "Ich habe Angst, dass wir in einen Krieg reinschlittern", sagte eine Frau. Die in New York an Bäumen angebrachten Zettel mit Vermisstenfotos machten ihr Angst. "Ich dachte, so weit würde es nie wieder kommen".

Auch viele Kinder und Jugendliche sind unruhig, die Sorge der Erwachsenen überträgt sich auf sie. Im SFB-Hörfunk sprachen Kinder gestern über ihre Angst vorm Krieg und über den Schrecken, den sie beim Anblick der Bilder aus den USA empfunden hatten. Der Sender spielte zwischendurch einen fast vergessenen Udo-Lindenberg-Song von 1981: "Wozu sind Kriege da?"

Nach Umfragen befürchtet die Mehrheit der Bevölkerung, dass Deutschland in kriegerische Auseinandersetzungen der USA mit einem noch unbekannten Gegner einbezogen wird, möglicherweise Afghanistan oder der Irak bombardiert werden. Viele Menschen aber reden nicht über ihre Ängste, sondern schweigen. "Mit Sprachlosigkeit und Trauer reagieren wir normal", sagte gestern die Psychotherapeuthin Ursula Aßmann vom Urbankrankenhaus in Kreuzberg. Vielen Erwachsenen gehe es jetzt wie Kindern, denen was Schlimmes passiert: Es werde mehr geschwiegen. Man versuche, die Fassungslosigkeit innerlich zu bewältigen. Beim Nachdenken blühten aber auch die Spekulationen. Um dem zu entgehen, gebe es Menschen, die verschlössen sich geradezu vor den Ereignissen in Amerika, wollten nichts an sich herankommen lassen.

Menschen in Deutschland, die nach den Terroranschlägen in den USA Angst vor weiteren Attentaten und Krieg haben, sollten aber in jedem Fall darüber reden. "Das Beste ist immer, das Gespräch zu suchen", riet der Münchner Diplom-Psychologe Helge Halbensteiner auf Anfrage der dpa.

Es könne jedoch nicht darum gehen, sich pausenlos mit der Angst zu beschäftigen. Ebenso wichtig seien auch individuelle Entspannungstechniken. Manchen Menschen helfe Joggen, anderen autogenes Training, sagte Halbensteiner. Betroffene sollten auch etwas tun, das Freude macht. Dazu könne auch ein Kinobesuch dienen.

Gesprächspartner gegen die Angst könnten Partner, Freunde aber auch andere ebenso betroffenen Menschen sein. Reiche das nicht, könne ein Fachmann helfen. "Das ist keine Frage der Psychotherapie, sondern der akuten Hilfe", sagte Halbensteiner und verwies auf die kostenfreie Telefonnummer des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (0800 / 7772244).

Keinesfalls sollten Menschen die Gefühle verdrängen. Dies könne sich in Schlafstörungen, starken Konzentrationsstörungen oder Schreckhaftigkeit äußern, etwa im Straßenverkehr. "Je mehr man sich dieser Angst zu stellen vermag, desto größer ist die Chance, sie zu bewältigen."

Von einer "Kriegshysterie" könne man nicht sprechen, teilte der Beratungsdienst gestern nachmittag nach Auswertung erster Anrufe mit. Man habe eine allgemeine Angst registriert, die durch die Fernsehbilder ausgelöst worden sei. Persönliche Probleme könnten dadurch "aktualisiert" werden.

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