Berlin : Reaktionen von Schülern: Mit den Sprüchen der Alten

Katja Füchsel

Das Mädchen war ganz arglos. Es erzählte in der Grundschulklasse von dem spontanen Fest, das seine palästinensischen Eltern in der letzten Nacht gefeiert hätten, von dem Kuchen, der Musik - und blickte rundum in bestürzte Gesichter. Es war der Tag danach, nach dem Anschlag auf New York und Washington. Die Eltern der jungen Neuköllnerin waren offenbar kein Einzelfall: Mehrere Schulen berichten derzeit, dass einige Schüler arabischer Herkunft mit Schadenfreude auf den Terror in den USA reagiert haben. Ein Problem, kein Wunder: "Wir haben die Konflikte dieser Welt auch in den Berliner Klassenzimmern", sagt Bettina Schubert, Gewaltexpertin vom Landesschulamt.

Die Lehrer in den Schulen mit besonders hohem Ausländeranteil haben sich fast daran gewöhnt, dass sie in Fragen des Nahostkonflikts zuweilen auf eher befremdliche Reaktionen treffen. Die Schadenfreude einiger Schüler stieß am Mittwoch dann aber doch auf Fassungslosigkeit. "Bei solchen Äußerungen gilt als erste Maxime: Nicht darüber hinweggehen. Als zweite: Das Problem in einem pädagogischen Gespräch angehen", sagt Schulsenator Klaus Böger (SPD). Die Lehrer müssten den Schülern offensiv entgegentreten und deutlich machen wie feige und menschenverachtend solche Terrorakte sind.

Probleme gibt es seit Dienstag zuweilen auch auf dem Hof der Neuköllner Regenbogenschule - und zwar auf beiden Seiten. "Die deutschen Kinder schimpfen die arabischen aus", sagt Schulleiterin Heidrun Böhmer, die unter ihren 650 Kindern 250 moslemische zählt. In den Räumen der Regenbogenschule wird derzeit viel geredet und regelmäßig geschwiegen: Eine Minute an jedem der letzten drei Tage. Eine Taktik, die auch bei Bettina Schubert auf Zustimmung trifft: "Die Schulen sollten bewusst die Verständigung zwischen verschiedenen Gruppen fördern." Rund 50 000 muslimische Kinder und Jugendliche gehen in Berlin zur Schule.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Schulleiterin Böhmer hat sich außerdem an das Arabische Kulturinstitut gewandt. Derzeit wird hier in Zusammenarbeit mit mehreren Schulen ein Brief an die Eltern verfasst, eine klare Absage an Gewalt und Terror. Deutlich werden solle außerdem eines: "Es geht nicht darum, dass wir uns auf irgendeine Seite schlagen", sagt Böhmer. Die Sprüche, die die Kinder manchmal in der Schule klopfen, lassen einiges über das Klima zu Hause schließen. "Krieg, Krieg den Amerikanern", soll ein junger Neuköllner beispielsweise skandiert haben. In Moabit sagte eine Schülerin: "Jetzt sind die Amerikaner dran zu erfahren, wie es ist, Opfer zu sein."

Offenbar geht es aber auch ganz anders: In der Nahariya-Grundschule in Lichtenrade - rund 35 Prozent Ausländeranteil - fanden sich die Kinder mit einem Teelicht in der Hand schweigend auf dem Schulhof zusammen. Nach einer Minuten formten die Schüler dann mit ihren Kerzen ein großes Herz. "Das war ein sehr bewegender Moment", heißt es im Sekretariat. Auch am Donnerstag habe man dann in den Klassen Kerzen entzündet und der Terroropfer gedacht. Kein Jubel, keine Schadenfreude? "Davon haben wir bislang nichts gemerkt."

Auch die Gewaltexpertin Schubert und die Schulleiterin Böhmer betonen: "Es handelt sich nur um einzelne Fälle." In der Vergangenheit haben diese Einzelfälle bereits Diskussionen ausgelöst. Wie beispielsweise der 17-Jährige palästinensischer Herkunft, der im vergangenen Dezember einen Lehrer mit einem Elektroschockgerät bedrohte, um ihn zu antisemitischen Äußerungen zu zwingen. Auch Beschimpfungen und Bedrohungen zwischen Israelis und Palästinensern kamen immer wieder vor. Nach den neuesten Vorkommnissen beunruhigt Schulsenator Böger vor allem eine drohende Folge: "Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Art Pogromstimmung entsteht gegen Menschen mit arabischem Aussehen."

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