Berlin : Realos retten Gymnasien

Grüne halten die Gemeinschaftsschule „auf lange Sicht“ für nicht mehrheitsfähig

Susanne Vieth-Entus

Die Bündnisgrünen sind offiziell von dem Vorhaben abgerückt, die Gymnasien in absehbarer Zeit abzuschaffen und eine Gemeinschaftsschule für alle durchzusetzen. Die Bildungsexperten der Partei verabschiedeten jetzt einstimmig einen Beschluss, in dem sie sich klar für ein zweigliedriges Schulsystem aussprechen. Mit diesem Beschluss gehen die Spitzen der Partei morgen in die zweite Sondierungsrunde für eine Koalition mit den Sozialdemokraten.

In dem Papier, das dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es: „Vor dem Hintergrund der gewachsenen Bedeutung dieser Schulform ... fehlt einer politischen Strategie zur Abschaffung und Umwandlung aller Gymnasien auf lange Sicht jede Chance einer gesellschaftlichen oder parlamentarischen Mehrheitsfähigkeit.“ Deshalb solle man sich damit begnügen, nur Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer einzigen „Oberschule“ zu verschmelzen. Dies soll ab August 2009 passieren. Wie in Brandenburg sollen aber die Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe erhalten bleiben.

Dieses Modell hatte bereits während des Wahlkampfes der ehemalige Kreuzberger Volksbildungsstadtrat Dirk Jordan vorgestellt. Zunächst gab es Gegenwind aus der Partei, jetzt haben sich aber offenbar die Realpolitiker durchgesetzt, denen „der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach ist“, wie es ein Grüner ausdrückte. Selbst der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, der in Friedrichshain ein Direktmandat gewann und sich jahrelang für die Gemeinschaftsschule als Nahziel stark gemacht hatte, favorisiert jetzt die „kleine Reform“.

Vehement unterstützt wird die neue Linie der Grünen auch von Hans-Jürgen Kuhn, der als einer der Kandidaten für das Amt des Staatssekretärs oder des Bildungssenator gehandelt wird, falls es zu einer rot-grünen Koalition kommt. Er ist Referatsleiter im Potsdamer Bildungsministerium, das dort seit einem Jahr die Verschmelzung von Real- und Gesamtschulen organisiert. Hauptschulen gab es in Brandenburg schon vorher nicht.

Die Grünen wollen die neue Schulform dadurch profilieren, dass sie sozialpädagogische Angebote oder Ganztagsbetrieb vorhalten kann, dass sie mehr mit der Jugendhilfe zusammenarbeitet, Elternkurse in ihr Programm aufnimmt oder Spezialklassen mit „praxisbezogener Bildung und Erziehung“ enthält. Sie kann zum Hauptschul- oder Mittleren Bildungsabschluss führen.

Auch in den Gymnasien soll nicht alles beim Alten bleiben: Die Grünen schlagen vor, das Probehalbjahr abzuschaffen. Und schließlich enthält das Papier noch einen Trost für alle Parteifreunde, die weiter von der gemeinsamen Schule für alle träumen: Sie bleibe „eine umsetzbare Perspektive, für die es sich zu kämpfen lohnt“. Ob diese Ambivalenz den Sozialdemokraten gefallen wird, könnte sich morgen zeigen.

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