Berlin : Realsatire in drei Akten - wie das Olympiastadion zu den benötigten Sitzen kam

Frank Bachner

Irgendwann hat Matthias Huber eine Frage nach Zahlen gestellt. Es war eine dieser Fragen, bei denen klar ist, dass der andere daneben liegt, weil die Zahl so verblüffend ist. "Wissen Sie eigentlich", fragte also Matthias Huber einen Journalisten, "wie viele Klappstühle jetzt, nach vier Arbeitstagen, eingebaut sind?" Und damit es nicht ganz so schwer würde, half er noch ein bisschen nach. "10 000 sollten es sein." - "Hm, "7000." - Ha, 1000, gerade mal 1000. Das war Ende Juli, und 1000 Klappstühle waren natürlich ein Witz. Aber Huber lachte nicht, schon von Berufs wegen. Der Mann leitet die Geschäftsstelle von Hertha BSC.

Irgendwie hat es am Ende doch noch geklappt mit den 36 000 Klappsitzen, es werden sogar ein paar mehr sein. 58 000 Zuschauer dürfen morgen mitansehen, wie Hertha BSC sich gegen Anorthosis Famagusta für die Champions League qualifizieren will. In letzter Minute wurde verhindert, dass die Berliner Lokalposse zur Blamage auf europäischer Bühne wurde. Aber eine Realsatire war diese Geschichte mit den Klappstühlen allemal.

Erstmal kam sowieso kein Mensch auf die Idee, dass Hertha im Sommer des Jahres 1999 kurzfristig einzelne Sitze benötigen würde. Die Individual-Bestuhlung schreibt der europäische Fußballverband Uefa für Europapokalspiele vor. Hertha BSC und Europapokal, dass passte zuletzt zusammen wie Hering und Erdbeereis. Bis zum 30. Juni 1998 musste der Deutsche Fußballbund bei der Uefa die Stadien benennen, für die er eine Ausnahmegenehmigung beantragte. Damals waren Hertha BSC die Mühen eines wochenlangen Abstiegskampfes noch in frischer Erinnerung. Berlin war also nicht unter den benannten Stadien.

Aber ein Jahr später stand Hertha auf Platz drei und in der Champions-League-Qualifikation, und das Olympiastadion hatte natürlich immer noch Holzbänke und gerade mal 3000 Einzelsitze. Die Uefa weigerte sich prompt, kurzfristig eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Zwischenzeitlich standen sogar Rostock und Hannover als Spielort zur Debatte, bis die Uefa doch nachgab. Genehmigt wurden 50 000 Zuschauer, von denen 14 000 auf den normalen Holzbänken sitzen durften.

Es folgte der zweite Akt. Innerhalb einer Woche sollten die Arbeiten beginnen, doch erst einmal begann gar nichts, weil zwar Halterungen da waren, aber entsprechende Metallteile fehlten. Die beauftragte Firma garantierte den Einbau von 2500 Sitzen täglich, das werde schon reichen bis zum 11. August. Und natürlich wurde auch eine mehrstündige Siesta gehalten, weil es mittags so heiß war. Sonnabend und Sonntag waren als Arbeitstage nicht vorgesehen, und der Oberbauleiter verkündete forsch: "Ein Drei-Schicht-Betrieb kommt nicht in Frage. Das schaffen wir auch so." 1000 Klappstühle in vier Tagen, voilà.

Mit diesem Tempo, das ließ sich leicht errechen, waren die 36 000 Klappstühle dann ungefähr im Dezember eingebaut, und vielleicht reichte es sogar noch bis zum letzten Spieltag vor der Winterpause. Und weil dies eine nicht gerade aufmunternde Aussicht war, wurde plötzlich doch noch aufs Tempo gedrückt. Das freie Wochenende wurde gestrichen, mehr Leute als geplant schraubten nun, und die Pausen wurden kürzer.

Den Unterhaltungswert des Schauspiels "Die Klappstühle und das Stadion" steigerte die Senats-Bauverwaltung im dritten Akt. Die zuständigen Herren ließen Hertha im unklaren, wo die Stühle überhaupt angebracht würden. Huber wusste es auch nicht und konnte deshalb nur einen Teil der nummerierten Karten verkaufen. Es hätte ein wenig seltsam ausgesehen, wenn ein Fan zwar einen nummerierten Platz hat, dort aber nur einen Betonsockel vorgefunden hätte. Huber blieb also tagelang auf seinen Karten sitzen. Immerhin registrierte er beruhigt, "dass die Fans, die bei uns Tickets kaufen wollten, uns nicht beschimpften".

Neun Millionen Mark kostete die Aktion, und Hertha wird sich an den Kosten beteiligen. In welcher Höhe, das bleibt vertraulich. Die Summe dürfte den Hertha-Fans ohnehin egal sein. Was ihnen in Erinnerung bleiben wird, ist das Theater um Klappstühle und Tickets. "Eigentlich", sagt der Geschäftsstellenleiter, "wollten wir Kundenfreundlichkeit." Geboten wurde das Gegenteil.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben