Berlin : Rechtschreib-Streit verunsichert Eltern und Lehrer

„Rücknahme der Reform wäre Quatsch“. 600 000 Schüler haben schon die neuen Regeln gelernt. FU-PräsidentfürliberaleHandhabung

Susanne Vieth-Entus

Morgen beginnt das neue Schuljahr – und hunderttausende Eltern, Schüler und Lehrer sind verunsichert über die neu entbrannte Diskussion um die Rechtschreibung. „Eine Rücknahme der Reform wäre Quatsch“, lautet die Einschätzung von Landeselternsprecher André Schindler. In etlichen Grundschulen heißt es, es sei „unverantwortlich“, jetzt zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.

In den Grundschulen ist sechs Jahre nach Einführung der neuen Regeln gerade der erste Jahrgang komplett mit der Reform durchgewachsen. Insgesamt haben in Berlin rund 600 000 Schüler inzwischen nach den neuen Regeln gelernt.

„Die Schulen sind bisher gut damit zurechtgekommen“, resümiert der Arbeitskreis Neue Erziehung (ANE).Diese Ansicht bestätigt Karin Babbe, Leiterin der Weddinger Erika-Mann-Grundschule. „Die Umstellung war in einem Jahr getan“, sagt sie. Dies zurückzudrehen, hielte sie für „Unfug“, zumal jetzt alle Lehrbücher erneuert seien. Allerdings hätten sie und Schindler nichts gegen Nachbesserungen.

Der Landeselternsprecher meint, dass nicht nur die Grundschulkinder inzwischen gut mit der Reform umgehen könnten. Auch die Jugendlichen hätten sich umgestellt. Die Arbeit am PC mit den Rechtschreibprogrammen habe diese Entwicklung begünstigt. Schindler meint, dass den Schüler eine Rücknahme der Reform „nicht zuzumuten“ sei.

Harald Mier, Vorsitzender des Verbands der Oberstudiendirektoren, sieht das anders. Die Reform sei „blödsinnig“ gewesen. Inhaltlich würde er deshalb eine Rücknahme befürworten. „Finanzpolitisch“ hat er aber Bedenken, weil doch endlich alle Lehrbücher ausgetauscht seien. Nur die Lektüreausgaben von Goethe bis Fontane stehen komplett in alter Rechtschreibung in den Regalen.

Dies ist auch im Neuköllner Albert-Einstein-Gymnasium der Fall. Leiter Klaus Lehnert vermutet, dass es unter seinen Lehrern sehr unterschiedliche Ansichten über eine Rücknahme der Rechtschreibreform geben würde. „Auf jeden Fall aber würden sich die Deutschlehrer sehr wundern“, vermutet Lehnert.

Die Grundschullehrer loben an der Reform die „größere Logik“, etwa durch die Regelung mit den drei Konsonanten („Schifffahrt“) oder mit den Umlauten („behände“). Allerdings bleibe die Getrennt- und Zusammenschreibung ein Problem und „natürlich“ die Großschreibung. Eine neuerliche Reform mache nur Sinn, wenn endlich die Großschreibung abgeschafft werde, meint Karin Babbe.

Auch Bildungssenator Klaus Böger (SPD) rät kategorisch ab, „den weit vorangegangenen Weg zurückzugehen“. Die Diskussion sei „nicht sinnvoll“. Ihm pflichtet die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben bei. Als fünffache Mutter hat sie beobachtet, dass die Schüler mit der Reform kaum Probleme haben: „Die sich beschweren, das sind die Älteren“.

FU-Präsident Dieter Lenzen sieht jetzt nur zwei Wege: „Entweder man belässt die Reform oder man gibt die Rechtschreibung frei und erlaubt individuelle Gestaltungsspielräume“. Auch Goethe habe „mal so und mal so geschrieben“. Abweichende Rechtschreibung sei weder ein Zeichen mangelnder Intelligenz noch beeinträchtige sie die Eignung für bestimmte Berufe, meint Lenzen. Dies sollten Arbeitgeber bedenken, die mit Hinweis auf Rechtschreibschwächen Auszubildende ablehnten.

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