Berlin : Rechtsextremismus: "Bert & Holger" den Abend verdorben

Frank Jansen

Die in der Faust steckende Bierflasche ist noch verschlossen. "So, die möchten wir jetzt gerne haben", sagt ein Polizist in Kampfmontur, "geben Sie mal her." Der Skinhead mault, "warum denn? Es dauert zwei Minuten, dann ist die leer." Doch zwei Minuten sind genug Zeit, um eine Flasche auch zu werfen, also greift der Beamte zu - schon hat der Glatzkopf nichts mehr in der Hand. Grimmig dreht er sich weg und zischt "Besatzungsmacht". Wieder einmal ist in Berlin ein Kameradenabend anders verlaufen als geplant.

Gegen 22 Uhr 30 dringen am Samstag knapp 300 Polizisten in ein Marzahner Industriegelände ein. Im Clubhaus der seit September in Deutschland verbotenen Skinhead-Organisation "Blood & Honour" hat gerade eine Kahlkopf-Band zum Krawallrock aufgespielt. Nun ist Schluss. Ein üppig bewaffnetes Spezialeinsatzkommando stürmt Hof und Schuppen, die knapp 180 Rechten, darunter 30 Skingirls, leisten kaum Widerstand. Gerade mal vier Wochen nach der Unterbrechung einer Feier der Neonazi-Rocker "Vandalen" in Weißensee wird die Staatsmacht schon wieder lästig.

"Die Szene soll nicht denken, dass hier in Berlin ein rechtsextremes Konzert stattfindet, ohne dass die Polizei davon erfährt und sich Gedanken macht, ob und wie sie reagiert", sagt Lothar Spielmann, Inspektionsleiter beim Staatsschutz und verantwortlich für den Großeinsatz. Das Zusammenspiel von Kripo, Polizeidirektion 7 und Staatsanwaltschaft, die auch am Einsatzort erscheint, hat sich wieder bewährt. Ein Staatsschützer sagt, das Unterbinden des Konzerts sei "ein bombiger Erfolg". Beträchtlichen Anteil haben erneut die Männer der Spezialeinheit PMS (Politisch Motivierte Straßengewalt), die seit 1992 systematisch die rechte Szene "bearbeiten". Die Botschaft an Skins und Neonazis ist klar: Ihr könnt nach dem Verbot von "Blood & Honour" nicht einfach weitermachen, der Verfolgungsdruck wird stärker. Aber es zeigt sich auch, dass mit einem Verbot das Szenepotenzial nicht verschwindet und weiterhin Aktivitäten zu erwarten sind.

Entsprechende Hinweise sind im Gebäude hinreichend vorhanden. In dem weiß getünchten, etwa 100 Quadratmeter großen Clubheim, das in seiner Backstein-Kargheit an eine alte Schmiede erinnert, hängen Fotos von kämpfenden Wehrmachtssoldaten, dem SS-General Felix Steiner und von Rudolf Heß. Ihm wurde allerdings die Hakenkreuzarmbinde geschwärzt. An den zwei Säulen des Tresens kleben außerdem Zettel, "Bitte unterlasst das Tragen von Symbolen und Abzeichen im Sinne des § 86a". Dieser sanktioniert das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Offenkundig kalkuliert die Szene in Berlin bei ihren Veranstaltungen das Auftauchen der Polizei fest ein. Vielleicht finden sich deshalb im Schuppen keine Zeichen der verbotenen "Blood & Honour"-Bewegung, obwohl von hier aus die "Deutschland Division" dirigiert wurde. Aber das weiß sowieso jeder. Auch wenn das Clubhaus nun, wie ein Aushang hinter dem Tresen verkündet, offenbar zwei Witzfiguren gehört: "Bert & Holger".

Welche Band gespielt hat, ist unklar. Auf der Verstärkeranlage liegt ein Zettel mit Songtiteln wie "Skinhead Girl", "Erwached", "Parole Spaß", "Feuchte Träume" und "Proll Power". Mehrere Gitarrenkoffer stehen herum, offenbar sollten noch weitere Grölgruppen auftreten. Prompt hat sich der harte Kern der Berliner Naziszene versammelt: Neben "Blood & Honour"-Skins sind die langzöpfigen "Vandalen" gekommen, auch ein ehemaliger Kroatien-Söldner und weitere "Prominente" stehen im Hof der Polizei gegenüber. Während auf einem Grill letzte Schrumpelwürste erkalten, führen die Beamte jeden Neonazi einzeln ab, dann werden die Personalien aufgenommen und auch einige Gesetzesverstöße registriert. Anschließend hätten sich die Rechten, sagt später ein Polizist, "ordentlich verpisst".

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