Berlin : Rechtsextremismus: Diskussion auf der Insel der Seligen

Jörg-Peter Rau

Auf den ersten Blick ist das John-Lennon-Gymnasium in Mitte wohl so etwas wie eine Insel der Seligen. Jungs in Springerstiefeln und Bomberjacken gibt es nicht, wie mehrere Schülerinnen versichern. Von den 800 Jugendlichen haben gerade mal 25 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Doch Rechtsextremismus war dort am Mittwoch ein Thema - auf einem Projekttag, den eine Dikussion mit prominent besetzem Podium beschloss.

Lea Rosh als Moderatorin steigt mit provokanten Fragen ein. Ob die Politik angesichts des rechtsextremen Flächenbrandes versagt habe? Peter Haupt, Staatssekretär im Familien-, Senioren-, Jugend- und Sportministerium, gibt Versäumnisse zu und zieht sich ansonsten auf das Herunterbeten von Förderprogrammen und Millionensummen zurück. Klaus Böger soll sagen, ob Berlins Schulen Paragraf eins des Schulgesetzes, die Erziehung von "Persönlichkeiten, die fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus...entschieden entgegen zu treten" erfüllen. Das Ziel werde sicher angestrebt, sagt Böger, räumt aber ein, es werde nicht immer erreicht. Sonst müsste man ja auch nicht über ein Bomberjackenverbot reden.

Nina Hagen steht am anderen Ende des Podiums und sagt nicht viel. In wallendes Tuch gewandet, beklagt sie die zunehmende Kälte in Deutschland und kommt erst richtig in Fahrt, als es um die Urteile gegen Neonazi-Täter geht, die ihrer Meinung nach viel zu milde ausfallen. Lea Rosh meidet das komplexe Thema, und John-Lennon-Schülerin Hannah Gerken sowie Deutschlehrerin Ulrike Heubach werden zu den besten und ergiebigsten Gesprächspartnerinnen für die vielen Fragen, die vor allem Schülerinnen stellen. Ob sie sich durch die Schule hinreichend auf die Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut vorbereitet fühle, will Lea Rosh wissen. Hannah Gerken antwortet: "Man weiß ja, dass sich Vorurteile meist jeder Diskussion entziehen." Sie sagt aber auch, dass ihr die Schule durchaus Argumente gegen Rechts geliefert habe. Eine Lehrerin stellt das Programm "Standpunkte" der "Pädagogen gegen rechts" vor, das Lehrer dazu befähigen soll, entschiedener gegen stillschweigend akzeptierte rechte Meinungen in den Klassen aufzutreten. Und der Vorwurf einer Schülerin, die auch in der Landesschülervertretung aktiv ist - es gebe durchaus rechte Lehrer, die "als Wanderpokale von Schule zu Schule weitergegeben" würden - bleibt unwidersprochen. Böger wird den Schülerinnen im Hinausgehen empfehlen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Die Mädchen reden vor der Tür noch ein bisschen weiter. Enttäuscht sind sie nur "über wachsweiche Aussagen der Politiker". Und darüber, dass Nina Hagen nicht recht zu Wort gekommen ist.

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