Berlin : Rechtsextremismus: Nach dem KZ-Besuch eine "Mauer des Schweigens" im Klassenraum

Sonja Ernst,Susanne Vieth-Entus

Den Glauben an die "heilsame Wirkung" von KZ-Gedenkstättenfahrten hat Martina K. (Name v.d. Red. geändert) in diesem Schuljahr verloren. Als die Pädagogin nach der Tour mit ihrer Klasse über ihre Eindrücke reden wollte, sah sie in stumme Gesichter. Eine "Mauer des Schweigens", wie sie sagt. Die Dominanz politisch rechts denkender Schüler in ihrer Lichtenberger Gesamtschule sei so groß, dass Andersdenkende nicht wagten, sich zu äußern. "Wer dies trotzdem tut, wird außerhalb der Schule durch Schläge zur Raison gebracht", sagt Martina K.

Aus Angst vor den rechtsextremen Schülern hat die Pädagogin ihre Erfahrungen nicht öffentlich gemacht. Nicht einmal der zuständige Schulrat erfuhr davon. Aber sie wandte sich an den Neuköllner Lehrer Michael Rump-Räuber, der in Zusammenarbeit mit der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Landesinstitut für Schule und Medien eine Lehrerfortbildung zum Umgang mit rechten Schülern initiiert hat. Am 31. Januar beginnen die Kurse - unterstützt von Schulsenator Klaus Böger (SPD).

Rump-Räuber kennt viele Beispiele für rechte Umtriebe an Schulen. Im vergangenen Jahr etwa hat ein Hohenschönhauser Junge im Kunstunterricht die Büste von Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess modelliert. Eine Lehrerin hat auf die Gründung einer Israel-AG verzichtet, nachdem sie Drohbriefe von Schülern erhalten hatte. Schlimmer als die einzelnen Vorfälle, sagt Michael Rump-Räuber, sei es, wenn die Stimmung an einer ganzen Schule "nach rechts umkippt", so, wie dies etwa in Lichtenberg passiert ist.

Konsequentes Vorgehen gegen die maßgeblichen Schüler erschwert, dass die Kollegien "dicht" halten. Besonders in Bezirken, wo sinkende Schülerzahlen die Existenz vieler Schulen bedrohen, werden Negativmeldungen einfach unter den Teppich gekehrt. "Die Schulen fürchten um ihr Image", versucht der Lichtenberger Schulrat Klaus-Peter Koepke dieses Verhalten zu erklären. Er sei aber "dankbar für jeden Hinweis" und begrüßt das Projekt, um jener "Mauer des Schweigens" auf den Grund zu gehen und und auch der gewaltsamen Unterdrückung anderer Meinungen.

Genau dies ist eines der Ziele, die das neue Fortbildungsprojekt verfolgt: Informationsaustausch, damit die Situation publik wird. Das andere Ziel ist, die richtige Reaktion auf Sprüche wie "Behinderte dürfen nicht leben" oder "Ausländer nehmen unsere Arbeitsplätze weg" zu vermitteln. Zu oft fühlten sich Lehrer in solchen Situationen überfordert und hofften auf das Pausenzeichen, sagt der Pädagoge. Rechtsextreme Sprüche von Schülern würden vor lauter Unsicherheit übergangen. Selten würden dumpfe und rechtsextreme Positionen "entlarvt". Das soll sich mit dem Projekt ändern. Auf dem "Lernplan" steht außerdem, "die andere Seite kennenzulernen", also den Alltag rechtsextremer Jugendlicher, ihre Organisationsformen, ihre Kleidung und Gesinnungs-Symbolik.

Die Fortbildung soll nur ein Anfang sein. Zwölf der rund 40 bereits angemeldeten Pädagogen, darunter viele Berufsschullehrer, werden als Multiplikatoren in die Bezirke entsandt. Dort sollen sie Ansprechpartner für die Schulen sein und mit in den Unterricht gehen. Das Ganze nennt sich "Standpunkt - Pädagogen gegen Rechtsextremismus". Es soll Unterrichtsmaterial entstehen, das auch ins Internet gestellt wird.

Dass es so schwierig ist, Lehrkräfte gegen rechte Umtriebe zu mobilisieren, liegt nicht nur an der Angst um den guten Ruf der Schule. Vielmehr machten es die Rechten den Schulen auch leicht, sie zu tolerieren, indem sie für "deutsche Tugenden" wie Fleiß und Pünktlichkeit und gegen drogensüchtige Schüler einträten, glaubt Rump-Räuber.

Die "Masche" mit den deutschen Tugenden kennt auch Axel Zincke, Leiter des Archenhold-Gymnasiums in Treptow. Zwar ist seine Schule keineswegs dominiert von Rechten, aber es kommt seit etwa zwei Jahren häufiger vor, dass rechte Schüler auffallen. Mehr Sorge macht ihm aber, dass NDP-Helfer von anderen Schulen an seinem Schulgebäude Plakate der rechten Partei anbringen. Aus diesem Umfeld kämen vermutlich auch die Jugendlichen, die am Ende der Weihnachtsferien ein großes Hakenkreuz und das Zeichen für "Heil Hitler" in den Schnee auf dem Schulhof gestapft haben. Noch vor der ersten Unterrichtsstunde sind fünf Schüler bei Zincke aufgetaucht, um schnellstens Schneeschieber zu beschaffen.

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