Berlin : Rechtsextremismus: "Nazis haben hier nichts zu suchen"

Suzan Gülfirat

"Deutschkurs für Deutsche", sagt die aparte weibliche Radiostimme. "Lektion 1." Dann spricht sie den Satz, den der gelehrige Schüler nachsprechen soll. Sie wiederholt den Satz, doch die Stimme wird immer nachdrücklicher, bis sie richtig wütend klingt: "Nazis haben hier nichts zu suchen", brüllt sie fast ins Mikrofon, für alle, die es bis dahin noch nicht verstanden haben. Das ist einer der Radiospots, den Regierungssprecher Uwe Karsten Heye gestern bei der Vorstellung der Kampagne für mehr Zivilcourage mit dem Titel "Flächenbrand" vorführen ließ. Mit 1200 Kinospots, Radiowerbung und Zeitungsanzeigen startet die Initiative "Gesicht zeigen!-Aktion weltoffenes Deutschland" ihre zweite bundesweite Kampagne.

"Es gebe Grund genug, optimistisch zu sein", sagte Heye. Die Zivilgesellschaft sei aufgewacht. Gleichzeitig gab er auch eine Zwischenbilanz über die Arbeit des im August gegründeten Vereins. Die bundesweite Initiative möchte Menschen ermutigen, gegen rechte Gewalt aktiv zu werden. Neben Regierungssprecher Heye gehört auch der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, zu den Gründungsmitgliedern. Schirmherr ist Bundespräsident Johannes Rau.

"Wir haben bisher viel erreicht", sagte Heye als Vorsitzender von "Gesicht zeigen." Heye betonte aber auch, dass rechte Gewaltdelikte zunehmen. Das irritierte jedoch nur kurzeitig. Innerhalb von vier Monaten habe der Verein bereits 75 000 Mark Spendegelder gesammelt und verteilt, fuhr Heye fort. Die Resonanz auf die Arbeit der bundesweiten Initiative sei überwältigend. Mehr als 1000 Einzelpersonen und Gruppen, Verbände und Organisationen würden "Gesicht zeigen" bereits unterstützen. Zudem hätten sich 45 Städte und Gemeinden der Aktion angeschlossen. Da der Verein auch als Mittler auftrete, könne sich jeder an ihn wenden, der sich gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren wolle, sagte Heye.

Was dieses Engagement bedeutet zeigt schon die Unterstützung für den Spot, der normalerweise rund 400 000 Mark kosten würde. Allein 50 Mitarbeiter haben unentgeltlich bei der Produktion der Komminikationsagentur Töchter und Söhne mitgemacht. TV-Sender wie die ARD, MTV, Phoenix, RTL und Vox haben sich bereit erklärt "Flächenbrand" ins Programm zu nehmen.

In einer ersten Kampagne hatte die Initiative den Kinospot mit dem Titel "Handicap" geschaltet, der in 400 Leinwänden der CineStar-Kinos zu sehen ist. Auch der zweite Spot ist professionell gemacht und regt zum nachdenken an. Eine Bilderbuchfamilie - Vater, Mutter und Kinder - sitzt am Esstisch. Erst brennt die Obstschale, dann die Butter und die Umgebung und schließlich die eigene Kleidung.

Bahn-Azubis gegen Hass und Gewalt

Dem Beispiel der Aktion "Gesicht zeigen" sind die Auszubildenden der Deutschen Bahn und ihre Ausbilder gefolgt. Gestern zeigten rund 200 Auszubildende des ersten Ausbildungsjahres im Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße Plakate, Videos, Buttons oder homepages gegen Hass und Gewalt, die die insgesamt 2400 Auszubildenden der Bahn in 130 Gruppen entworfen hatten. Das Motto lautet: "Bahn-Azubi gegen Hass und Gewalt". Sogar ein Song, den die Auszubildenden selbst komponiert haben, zählt dazu. Die Veranstaltung war der Auftakt für weitere Aktionen der Deutschen Bahn gegen Fremdenfeindlichkeit. Der Kabarettist und Schauspieler Ron Williams beteiligt sich mit seiner Band genauso wie der Kabarettist Marius Jung.

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