Berlin : Rechtsextremismus: Rassistischer Überfall oder nur Schlägerei?

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Krystian W. stammt aus Polen, er ist 24 Jahre alt. Er wird einen Großteil seines weiteren Lebens im Rollstuhl verbringen müssen, seit er im Juli vergangenen Jahres mit dem 25-jährigen Ronny K. in Streit geriet. Krystian W. fiel vor eine einfahrende S-Bahn und verlor einen Arm und ein Bein. Am Donnerstag sprach eine Amtsrichterin Ronny K. vom Vorwurf der schweren Körperverletzung und des Vorzeigens verfassungsfeindlicher Symbole frei. Das Gericht konnte sich nicht entscheiden, ob der Angriff auf Krystian W. ein rassistischer Überfall oder eine Schlägerei unter Betrunkenen war.

Zumindest der Anlass der Auseinandersetzung, die am 26. Juli 1999 auf dem S-Bahnhof in der Greifswalder Straße in einer Schlägerei gipfelte, war nach Zeugenaussagen eine rassistische Pöbelei. Bei der vorangegangenen S-Bahnfahrt soll die Gruppe Bauarbeiter, mit denen Ronny K. unterwegs war, die Punks um Krystian W. als "Polackenpack" und "Scheiss-Zecken" beschimpft haben. Auf dem S-Bahnhof eskalierte die Auseinandersetzung zur Schlägerei. Wer damit angefangen hat, ist im Nachhinein nicht mehr zu klären. Und während einige Zeugen berichteten, dass einer der Arbeiter sogar mit einem Schraubenschlüssel nach dem Polen geschlagen habe, bevor ihn Ronny K. vor sich her gestoßen habe, bis er auf die Gleise stürzte, behaupteten andere Zeugen, Krystian W. sei durch eigene Schuld gefallen.

Ohne den wohl wichtigsten Zeugen, das Opfer, war der Ablauf der Geschehnisse nicht genau zu rekonstruieren. Der junge Pole konnte am Donnerstag aber nicht vor Gericht aussagen, weil er nach Auskunft seines Rechtsanwalts Stephan Werle eine Woche vorher in Abschiebehaft gesteckt und noch am gleichen Tag nach Polen abgeschoben wurde.

Auf Grund der widersprüchlichen Aussagen sah sich die Anklagevertreterin gezwungen, einen Freispruch zu beantragen. Auch im Anklagepunkt Verwendung von verbotenen Kennzeichen - Ronny K. hatte damals ein auf dem Arm tätowiertes Hakenkreuz - beantragte sie Freispruch, weil er das Tattoo möglicherweise nicht absichtlich vorgezeigt habe. Zudem will K., der sich vom rechtsextremen Szenenanwalt Wolfram Narath verteidigen ließ, mit rechten Ideologien nichts zu tun haben.

Die Richterin schloss sich dem Antrag an und sprach Ronny K. auf Kosten der Landeskasse frei. Rechtsanwalt Stephan Werle, der Krystian W. als Nebenkläger vertritt, hat Berufung angekündigt.

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