Berlin : Rechtsextremismus: Schon die Angst vor Übergriffen ist schlimm

Jörg-Peter Rau

Thomas Gey, Direktor des Gymnasiums Steglitz, hat nach einem langen Diskussionsabend mit Justizministerin Herta Däubler-Gmelin allen Grund zur Zufriedenheit: Kein Wort über seinen Kollegen Karl-Heinz S., der verdächtigt wird, an der Schule rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten. Keine Gesinnungspolizei. Keine "Hetzjagd", die er sich ausdrücklich verbeten hatte. Statt dessen: kritische Schüler, engagierte Lehrer und noch engagiertere Eltern, die beim Thema Zivilcourage und Widerstand mitreden wollen. Und eine Ministerin, die in die Debatte einsteigt und sich Phrasen verkneift.

Auch Franz Eckart, Vorsitzender der "Elterninitiative für politisches Denken am Gymnasium Steglitz", ist zufrieden und kündigt den nächsten prominenten Politiker an: Am 17. Oktober soll es mit Wolfgang Schäuble "um die Debattenkultur hier an unserer Schule und anderswo gehen." Um die scheint es am Gymnasium Steglitz so schlecht nicht bestellt zu sein. Die Gefahren von rechts, das blinde Mitläufertum, die stillschweigende Billigung von Pöbeleien, Springerstiefeln und Übergriffen werden wahrgenommen und zum Thema gemacht. Rosa, Schülerin der 13. Klasse, bringt es auf den Punkt: "Das weiß doch eigentlich jeder hier", sagt sie nur, nachdem ein paar Eltern erzählt haben, wie ihre Kinder vor lauter Zivilcourage ein paar Zähne verloren haben und wie sie ihren Nachwuchs zu Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und kritischem Denken erziehen.

Doch etliche Väter und Mütter, Schülerinnen und Schüler geben auch zu, dass es diese Angst gibt, wenn man in der S-Bahn mitbekommt, dass ein Mensch anderer Nationalität oder Hautfarbe angepöbelt wird. Niemand müsse in solchen Fällen den Helden spielen, sagt die Justiministerin - aber wer reagieren kann, müsse das auch. "Anstand" - auf diesen Leitbegriff kehrt Däubler-Gmelin immer wieder zurück. "Muss man sich das gefallen lassen?" - das ist für sie die zentrale Frage, wenn es um Zivilcourage auch an der Schule geht. Schulleiter Gey wird im Laufe des Abends ihren Gedanken mehrmals aufnehmen, dass Zivilcourage auch dann nötig ist, wenn Klassenkameraden ins Abseits gedrängt werden, weil sie keine Markenklamotten tragen oder weil sie sich am Ende des Schuljahres nochmals anstrengen und prompt als "Streber" ausgegrenzt werden. Sich solchen Tendenzen entgegenzustellen, ist für sie ebenso ein Akt des Anstandes wie das Eingreifen, wenn Rechte in einem Brandenburger Regionalzug pöbeln. Die Angst davor ist es auch, die Herta Däubler-Gmelin bekämpfen will. Denn die bloße Angst vor Übergriffen, sagt sie, sei mindestens so schlimm wie die Folgen von rechtsextremistischen Taten.

Als Schulleiter Thomas Gey das Urteil zur NPD-Demo am 1. Mai kritisiert, wird es kurz unruhig im Saal. Eine Mutter - sie ist selbst Richterin - fordert von ihrer obersten Chefin, dass sie sich hinter die Richterschaft stelle. Doch Däubler-Gmelin will den Richterstand genauso wenig entlasten, wie sie dies mit einem anderen Berufsstand tun würde. Die Diskussion um die Rolle der Rechtsprechung kommt in Fahrt, Argumente zischen durch die Aula.

Aber das Thema bleibt allgemein, Lehrer Karl-Heinz S. (Tagesspiegel vom 9. Mai) wird nur in vagen Andeutungen erwähnt. Dabei hatte Herta Däubler-Gmelin das Stichwort selbst geliefert: "Gibt es denn Widerspruch gegen das, was Lehrer sagen?" Keiner von den Schülern wollte ausgelotet wissen, ob es denn ein Akt der Zivilcourage wäre, den Unterricht von S. zu boykottieren. An dem Lehrer selbst ist die Diskussion vorbeigegangen. Er war nicht da am Montagabend.

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