Rechtsradikalismus : Mein Nachbar, der Nazi

Nach dem Anschlag auf eine türkische Familie wollen die Anwohner im Rudower Blumenviertel nicht mehr wegschauen. Sie haben das "Aktionsbündnis Rudow“ gegründet. Die betroffene Familie hofft, dass das Viertel wachgerüttelt ist.

Katrin Zeug
Rudow
Hat sich seit dem Anschlag verändert: das Rudower Blumenviertel -Foto: Uwe Steinert

BerlinJulian B. läuft mit leicht zusammengezogenen Schultern den Bürgersteig entlang. Er ist 18 Jahre alt, groß, blond und trägt schwarz. Grün hängen die Blätter der Bäume über die Gartenzäune, die Rosenbüsche blühen, die Häuser dahinter sind kaum zu sehen. Der Orchideenweg liegt ganz ruhig in der Abendsonne im Blumenviertel in Rudow. Sprenkler bewässern Rasen, es riecht nach Grillfleisch und außer den Vögeln sind nur ein paar Stimmen und Gelächter zu hören.

Als Julian B. an der Nummer 85 vorbeiläuft schaut er kurz auf, er geht nicht schneller, nicht langsamer, er geht ganz normal weiter, grüßt beim evangelischen Jugendtreff einmal über den Zaun und verschwindet dann um die Ecke. Früher, sagt eine Nachbarin, sei Julian B. ganz anders die Straße entlang gelaufen. Mit geschwellter Brust, festen Stiefeln, engen Hosen und einer Bomberjacke auf deren Rücken eine große 88 gestickt war – dem Nazi-Zahlencode für "Heil Hitler“. Mit seinen Freunden habe er grölend Bierflaschen in die Vorgärten geworfen, auch noch am Tag nach dieser einen Nacht. In dieser Nacht passierte im Orchideenweg 85, womit niemand gerechnet hatte, sagen jetzt die Anwohner, wenn Journalisten in ihr Viertel kommen und fragen, wie es so weit kommen konnte.

Ein lauter Knall

Am Morgen des 20. April wurde Fadime Yildirim gegen 3.40 Uhr von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Erst dachte sie an betrunkene Jugendliche – seit sechs Jahren wohnt sie mit ihrem Mann und den drei Kindern hier, sie kennt die Jungs, die manchmal "auf sich aufmerksam machen müssen“. Als sie aus dem Fenster ihres Schlafzimmers schaut, sieht sie den Partypavillon im Garten brennen, fein säuberlich an allen vier Beinen angezündet. Zwei Wochen, sagt ihr Mann Bayram Yildirim, habe es gedauert, bis die Polizei ihm geglaubt habe, dass das ein Anschlag aus rechter Gesinnung war. Erst als es in den Zeitungen stand, erkannte auch eine bosnische Familie, deren Haus ein paar Straßen weiter steht, dass der Brand bei ihnen ebenfalls ein Anschlag war.

Bayram Yildirim sitzt mit seiner Frau und der ältesten Tochter im Garten unter dem angekohlten Partypavillon. Der Rasen ist sauber gestutzt, das Haus frisch gestrichen, stiefelförmige Blumentöpfe mit Geranien stehen entlang der Hauswand, die Hollywoodschaukel knarzt, wenn die Tochter wippt. Sucht man nach einem Unterschied zu den Nachbargärten und den Menschen darin, findet man nicht viel. Vielleicht das Tuch auf Fadime Yildirims Kopf und die große türkische Flagge, die jetzt zur Fußball-EM vom Balkon herunter weht – neben der großen deutschen Flagge. "Das hier ist ein gutes Viertel“, sagt der Unternehmer, "wir haben ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn, das waren Jugendliche aus schlechtem Elternhaus, Einzelfälle.“ Sie fühlten sich auch nach dem Anschlag wohl hier, sagt Bayram Yildirim, aber er habe jetzt immer diese innere Unruhe, komme öfter mal zwischendurch aus seinem Unternehmen nach Hause. Sein Gesicht sieht müde aus.

Seit ein paar Tagen wird gegen Julian B. ermittelt. Er soll beteiligt gewesen sein, als die Täter die Bierflaschen mit Benzin füllten und den Plan schmiedeten, sie in der Nummer 85, ein paar Meter neben dem roten Backsteinhaus seiner Eltern, anzuzünden. Julian B. war der Polizei bereits bekannt. Vor zwei Jahren soll er dabei gewesen sein, als Jugendliche in Schönefeld einen Äthiopier schwer verletzten. Als das Feuer bei Familie Yildirim gelegt wurde, war er nicht mit dabei, vermutet die Staatsanwaltschaft. Zwei andere Jugendliche, die der Polizei zuvor noch nicht bekannt waren, werden verdächtigt, dieses und einen Monat zuvor das Feuer bei einer bosnischen Familie gelegt zu haben. Der 16-jährige Markus P. und der 18-jährige Robert H. sitzen wegen versuchten Mordes jetzt in Untersuchungshaft, einer hat bereits gestanden. Das Haus, in dem Markus P. mit seinem Vater lebt, liegt auch nur eine Straße weiter. Ein Topf mit kleinen Blüten baumelt vom Balkon, der Pool im Garten ist sauber. Keiner öffnet, aber der Nachbar beugt sich über den Zaun und sagt, er habe die Jungs hier im Sommer manchmal Gitarre spielen und rechte Lieder singen hören – "aber was soll man machen, wenn die Eltern nichts machen?“ Am Dienstag kam dann das Spezialeinsatzkommando, Männer mit Helmen und schusssicheren Westen ins Viertel. Die Nachbarn durften ihre Häuser nicht verlassen, bis die Jungs im Polizeiauto saßen.

"Das Viertel hat sich verändert"

„Das Viertel hat sich verändert“, sagt eine Anwohnerin, die wie die anderen nicht mit Namen genannt werden will. „Es ist jetzt belastet.“ Sie steht in ihrem Garten und gießt einen Buchsbaum. Während sie spricht, hat sie die Straße im Blick. Sie senkt ihre Stimme, wenn sie über die Familien der rechten Jugendlichen redet. Von Julian B.s Vater, der immer mit freiem Oberkörper durch die Straße laufe und von den Nachbarn den Spitznamen „schönster Mann vom Orchideenweg“ hat – aber nicht ernst genommen werde. Davon, dass die Mutter von Markus P. vor ein paar Jahren starb, kurz bevor er begann, auffällig zu werden. Sie sagt, dass sie die Glatzen und Zeichen auf den Jacken nicht so ernst genommen habe, weil es ja "irgendwie nur dumme Jugendliche“ waren. Die "echten Rechten“ waren für sie die in Rostock und in Mölln, vielleicht noch in Lichtenberg.

Der nächste Ort, an den die Bewohner im Blumenviertel dachten, wenn es um Neonazis ging, war die Spinne: Ein Parkplatz umgeben von Straßen und Supermärkten an der U-Bahn-Endstation Rudow. An der kleinen Imbissbude "Ketchup“ stehen Glatzköpfige mit breiten Schultern und Tattoos in Runenschrift. Sie trinken billigen Kaffee aus Plastikbechern und Dosenbier – und bedienen auch sonst jedes Klischee: Zwei unterhalten sich gerade darüber, wessen Haus „weißer“ ist, ein anderer fragt die Gruppe, ob sich die Politiker nicht dazu verpflichtet haben, "dem deutschen Volk zu dienen?“ Die anderen nicken, ihre Gesichter wirken gelangweilt.

An diesem Ort hat es schon mehrere Angriffe auf Ausländer und Linke gegeben, Demonstrationszüge von Neonazis beginnen oft hier. Es war leicht für die Bewohner des Blumenviertels, auf diesen Ort, ein paar Busstationen neben ihren grünen Gärten zu verweisen, wenn es hieß, dass die rechte Szene in Rudow wachse. Doch jetzt mussten sie erkennen, dass es "das“ auch drei Häuser weiter gibt, sagt die Frau neben dem Buchsbaum.

Sie und ein paar andere Nachbarn haben Familie Yildirim eine Karte überreicht, mit der sie sich von der Tat distanzierten und einen Geldbetrag spendierten, um die Brandschäden zu beheben. Die Anwohner gründeten das "Aktionsbündnis Rudow“ und veranstalteten einen Abend, auf dem die Opfer rechter Pöbeleien erzählen konnten. Ein Spaziergang wurde organisiert, zusammen mit den Jugendlichen der evangelischen Gemeinde, um rechte Schmierereien an Laternen und Strommasten zu entfernen. "Vielleicht wird es jetzt sogar besser“, sagt die Frau und spricht wieder in normaler Lautstärke, "weil wir wachgerüttelt sind. Wir schauen jetzt genauer hin.“

Familie Yildirim plant zusammen mit den rund 15 anderen ausländischen Familien im Viertel ein kleines Fest, im Zentrum der evangelischen Kirche. "Damit uns alle anschauen können, mit uns reden und feiern und keiner glauben muss, wir seien Fremde“, sagt Bayram Yildirim und streicht über die frisch gestutzte Hecke in seiner Einfahrt.

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