Berlin : Rechtsrock für die Mülltüte

Die NPD verteilt vor Berliner Schulen eine Musik-CD – in Weißensee funken die Grünen dazwischen. Sie sammeln die Scheiben ein und verteilen Gutscheine

Frank Jansen

Die NPD hat’s gern konspirativ. Bevor sie gestern ihren „Aktionstag“ startet, um angeblich bundesweit vor Schulen 200000 Musik-CDs und davon zehn Prozent in Berlin zu verteilen, werden Journalisten für sieben Uhr früh zum S-Bahnhof Prenzlauer Allee bestellt. Dort wartet Jörg Hähnel, stellvertretender NPD-Landeschef, Liedermacher und einst für seine Partei Stadtverordneter in Frankfurt (Oder). Lächelnd erzählt der 30 Jahre alte, unauffällig angezogene Rechtsextremist, dass er an der Universität der Künste studiert, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Das sei „auch politisch ein interessantes Fach“. Dann los. Hähnel fährt mit seinem Nissanvoran, Journalisten folgen.

Welche Schule die NPD behelligen will, ist offen. Es geht nach Weißensee, in der Gustav-Adolf-Straße ist das Ziel erreicht: die Hagenbeck-Oberschule und, ums Eck, das Oberstufenzentrum Bautechnik II. Hähnel trifft auf der Straße fünf junge Kumpane, sie tragen in Rucksäcken die mit Rechtsrock und Deutschlandlied bespielten „Schulhof-CDs“. Ein NPDler hat eine Eselsmaske dabei und ein Schild mit dem Spruch, „Ich Esel lasse mich von meinen Lehrern gegen die NPD aufhetzen“. Doch als sich der Trupp der Oberschule nähert, sinkt die Laune: Da stehen Grüne, angeführt vom Berliner Fraktionschef Volker Ratzmann. Mit blauen Müllsäcken und Flugblättern.

Berliner Grüne haben sich an diesem Tag an den Schulen verteilt, die für die NPD interessant sein könnten. Das sind zum Beispiel Berufsschulen im Osten. Die rechtsextreme Partei genießt bekanntlich bei jungen Männern aus Arbeitermilieus einige Sympathie. Das Oberstufenzentrum Bautechnik II mit seinen 2000 Schülern erscheint da erfolgsträchtig, außerdem kommen in der Hagenbeck-Oberschule noch 450 dazu. Doch für die NPD läuft es an dem trüben Morgen nicht gut.

Kaum sind erste CDs den eher skeptischen Jugendlichen überreicht, eilen die Grünen herbei. „Das Nazizeug gehört hier rein“, ruft Ratzmann und hält einen Müllbeutel auf. Einige lassen die CD sofort hineinfallen, andere zögern. Ein 14-Jähriger versteckt die Scheibe unter seinem schwarzen Kapuzenpulli, „ich will die mit nach Hause nehmen“. In einer Clique meint ein 16-Jähriger mit beiger Basecap, „die NPD ist ’n bisschen krass mit den Ausländern, aber eigentlich okay“. Der Schulleiter kommt. „Ich find’s nicht in Ordnung, was die NPD hier macht“, sagt Jörg Milack, im Unterricht werde jetzt über die CD-Aktion geredet. Die Rechtsextremisten laufen zum Oberstufenzentrum. Die Grünen kommen mit. Das gleiche Bild wie zuvor. Schüler nehmen die CD, andere entsorgen sie in den Müllsäcken und erhalten von den Grünen Gutscheine für Sport- und Musikveranstaltungen. Hähnel mault, der Tagesspiegel habe wohl die Grünen alarmiert. Ein NPDler faucht Ratzmann an: „Ihr seid ganz schön frech.“ Ein Lehrer wird hektisch und greift dem Fernsehteam des rbb in die Kamera. Schulleiter Helmut Hoffmann kommt und ermuntert Schüler, die CDs abzugeben. Die NPD gibt auf.

An der Rudolf-Virchow-Oberschule in Marzahn geht es nicht so friedlich ab. Als eine Lehrerin CDs einsammelt, reißt ein NPD-Mann sie ihr aus der Hand. Die Polizei ermittelt jetzt wegen Raubes. Die Senatsschulverwaltung lobt die Lehrerin: Sie habe „ couragierten Einsatz“ gezeigt.

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